Das Glaskugelspiel

Ein weiser, alter Gottesmann sprach einmal zu einem Jüngling:
„Komm, ich werde dich ein wunderbares Spiel lehren!
Man nennt es, das Glaskugelspiel!“
Während er dies noch sagte, zog er vorsichtig eine Reihe durchsichtiger Gaskugeln nach einander aus den bauschigen Falten seines Gewandes.

„Sieh nur, das ist die Freude!“ sagte der Ate und warf die erste Glaskugel seinem Gegenüber zu. Da geschah das Unfassbare und Wundervolle. Im Flug begann die Glaskugel in den prächtigsten Farben zu leuchten. Sie verbreitete solch einen atemberaubenden Glanz und ungeahnte Schönheit, dass der Jüngling bei ihrem Anblick ganz gebannt war und fast versäumt hätte, seine Hände zum Auffangen auszustrecken. Im letzten Moment fing er sie dann doch noch. Aber da verlor sie schon wieder ihr Strahlen und wurde so durchsichtig, wie zu Beginn.

„Merkst Du, mein Freund, nur im Weitergeben entfalten die Glaskugeln ihren wahren Glanz. Darum ist es so wichtig, das Empfangene gleich wieder loszulassen und weiter zu reichen. Auf diese Weise gelingt das Glaskugelspiel!“ fügte der Alte hinzu.
„Komm, wirf die Freude wieder zurück und das Spiel kann weitergehen.“

So trennte sich der Jüngling von der soeben gefangenen Freude. Und erneut schimmerte sie in herrlicher Farbenpracht beim Flug durch die Luft. Da kam auch schon die nächste Kugel geflogen. Diesmal war es die Hoffnung. Dann kam die Liebe, danach der Friede und auch noch die Freundlichkeit. Glaskugeln flogen hin und her. Alle Farben des Regenbogens leuchteten auf. Die Kugeln wechselten die Hände und berührten die Herzen der Fänger und Werfer gleichermaßen.

Und siehe, das Glaskugelspiel war sehr gut!

Da durchfuhr den Jüngling ein verführerischer Gedanke:
„Nur einmal die Freude festhalten dürfen! Nur einmal die Liebe für mich ganz alleine besitzen können! Nur einmal das Glück mit niemanden teilen müssen!“
Und so hielt er angespannt die Freude in seinen Händen und drückte sie fest an seine Brust, dabei zerbrach sie in tausend Stücke. Und weil er entsetzt auf die Scherben starrte, bemerkte er gar nicht, dass schon die nächste Kugel angeflogen kam. So verpasste er die Liebe. Auch sie fiel zu Boden und lag zersplittert vor ihm. Ebenso verfehlten ihn die nächsten Glaskugeln: Friede, Hoffnung, Vertrauen, Geduld…alles lag in Trümmern vor ihm. Ein riesiger Scherbenhaufen.

Der Jüngling begann bitterlich zu weinen. Jetzt war das herrliche Spiel vorbei und das alles nur, weil er es selbst zerstört hatte mit seiner Habgier und Unvernunft.


„Weine nicht, mein Freund!“ hörte er die sanfte Stimme des Gottesmannes sagen.
Der Alte näherte sich und trat entschlossen hinzu. Mühsam ging er auf seine Knie und fasste unerschrocken in den Glasscherbenhaufen hinein. Dabei zerschnitten ihm die Splitter und Bruchstücke die Hände. Er musste gewisslich enorme Schmerzen erleiden. Blut quoll aus vielen Wunden und tropfte über die zerbrochenen Glas-Fragmente. Der Gottesmann nahm jede Scherbe und mit seinem Blut verklebte er die einzelnen Teile. Da geschah das nächste Wunder. Was vorher noch zerstört daniederlag, formte sich erneut unter den blutenden Händen des Alten und wurde wieder heil und neu; ja, wunderschön – so, als ob  gar nichts geschehen sei.

Der Gottesmann legte eine herrliche Glaskugel nach der anderen vor sich hin auf die Erde. Alle Kugeln waren wiederhergestellt: die Freude, der Friede, die Hoffnung, die Zufriedenheit, das Glück und wie immer sie mit Namen lauteten. Alles war wieder gut. Das Glaskugelspiel konnte also weitergehen.

Der Alte richtete sich auf und nahm ein paar Schritte Abstand, während der Jüngling kaum glauben konnte, was da soeben vor seinen Augen geschehen war.
„Lass uns von vorne beginnen!“ sprach der Gottesmann.
„Ich nehme an, dieses Mal hast du den tieferen Sinn des Spiels verstanden und wirst es wahrlich besser machen!“

„Ja, das werde ich!“ antwortete der Jüngling mutig, beugte sich und nahm die erste Kugel zärtlich in die Hand. Es war das Vertrauen. Er warf sie in die Luft und schon begann sie zu strahlen. Dann folgten Liebe, Hoffnung und Zuversicht. Ein Rausch an Farben und Empfindungen. Schöner als je zuvor. Ein Geben und ein Nehmen, ein Loslassen und Empfangen.

Und siehe, das Glaskugelspiel war sehr gut!


Matthias Hoffmann
März 2021



Vom Mann, der auf einmal wieder hören konnte

Sam hatte sich schon so sehr an seine Schwerhörigkeit gewöhnt, dass er sie im Alltag kaum mehr wahrnahm. Er könnte dir auch nicht sagen, wann es ihm selber zum ersten Mal so richtig bewusst wurde, dass sein Hören immer schlechter geworden war. Es war wohl eher ein schleichender Prozess. Schrittweise wurde es leiser und leiser um ihn her. Aber er merkte kaum etwas davon, weil dafür die anderen Stimmen in ihm umso lauter und lauter wurden.

Jene Stimmen. Voller Selbstzweifel und Kritik. Die verklagenden Worte von Unsicherheit und Versagen. Da war ein ständiges Tinnitus-Rauschen in seinen Ohren. Er hörte in seinem Inneren das Klagen seiner dominanten Mutter, die immer an allem etwas zu Nörgeln hatte. Oder das gehässige, laute Lachen seines Arbeitskollegens, der sich ständig lustig machte auf Kosten der Schwächeren. Das verunsicherte Sam und er fragte sich: „Ob der auch über mich lacht?“ Da waren die kritischen Worte und negativen Festlegungen, die ihn sein Leben lang schon verfolgten und ständig runtermachten.

Dieses Wirrwarr an brabbelnden Stimmen im Hinterkopf, diese lauten nervigen Hintergrundgeräusche seines Alltag-Lebens, sie waren für Sam derartig normal und vertraut geworden, dass er die zunehmende Taubheit, die sich bei ihm einstellte, gar nicht realisierte. Er hatte kein Gehör mehr für Menschen, die ihn ermutigen wollten und ihm gar Gutes sagten. Da war auch kein Aufhorchen möglich für neue Gedanken der Hoffnung und der Zukunft. Sam hörte nicht mehr gut. ER hörte nicht mehr zu. Und bald gehörte er auch nicht mehr dazu.

Denn je länger Sam seinen zunehmenden Hörverlust ignorierte, umso kleiner wurde sein Radius, der Lebensraum um ihn her.  Wenn er unter Menschen war, konnte er oftmals die Gespräche nicht richtig mit verfolgen. Die Frequenzen der Stimmen von Personen im Raum überlagerten einander und wurden zu einer quälenden Kakophonie. Es war ihm peinlich, immer wieder nachfragen zu müssen, wenn er mal wieder etwas nicht deutlich genug verstanden hatte. Manchmal versuchte er sogar von den Lippen der anderen abzulesen, aber das gelang ihm nur stümperhaft. Und so gab er auf. Er zog sich lieber zurück, und es wurde einsamer um ihn her.
Als er dann noch neulich beim Überqueren der Straße fast von einem Auto überfahren wurde, weil er das Hupen nicht gehört hatte, da bekam er es mit der Angst zu tun. Am liebsten wollte er jetzt gar nicht mehr das Haus verlassen.

Unaufhaltsam rückten die Grenzen näher. Seine Sinne schienen ihm wie Sand zwischen den Fingern zu zerrinnen. Sam war verzweifelt. Die Taubheit hatte mittlerweile sein ganzes Leben in Mitleidenschaft gezogen und hielt es nun fest im Griff. Alles fühlte sich irgendwie taub an. Nicht nur seine Ohren. Auch seine Augen schienen schlechter zu funktionieren. Sein ganzer Körper. Taub – gefühllos. Eine innere bleierne Schwere, wie eine Lähmung, nahm von ihm Besitz, raubte ihm alle Kraft und allen Lebensmut.
Er hatte davon gelesen, dass es schwarze Löcher im Universum geben soll, die alles verschlingen können. Ja, so kam es ihm jetzt vor. Fast hätte Sam aufgegeben und sich in sein unweigerliches Schicksal gefügt. Es war wie ein endloses Fallen in Bodenlosigkeit. ER sah schon das schwarze Loch auf sich zu rasen. Da löste sich innerlich ein Schrei in seinem Herzen. Ein Schrei um Hilfe, Rettung, festgehalten werden, aufgefangen sein. Sam schrie. Es schrie unhörbar in ihm, ohne Worte. Aber wer würde ihn hören, – erhören –  wo der doch selber nicht mal richtig hören kann?!

Und dann geschah jenes Wunder!
Das Rauschen verschwand abrupt und die  Stimmen in seinem Innersten verstummten.
Für einen Augenblick herrschte absolute Ruhe. Himmlischer Frieden. Alles wurde still in ihm. Auf einmal drang an sein Ohr der Gesang eines einzelnen Vogels, der draußen vor seinem Fenster im Baum saß und eine Melodie vor sich hin trällerte. Es kam Sam vor, als ob er noch nie zuvor dem Singen eines Vogels gelauscht hätte. Das war so einzigartig und wunderschön.

Je länger er fasziniert zuhörte, umso mehr wich die Taubheit aus allen seinen Sinnen. Die Lähmung löste sich völlig auf, wie Nebel im Morgenlicht der Sonne. Da verstummte das Lied und der Vogel flog weiter. Wieder wurde es still in ihm und um ihn her. Diese Stille war zum Greifen nahe und geradezu übernatürlich.
Auf einmal hörte Sam die Worte: „Habe keine Angst. Du bist nicht allein. Ich bin bei Dir und werde immer bei Dir sein, weil ich Dich liebe!“

„Wer war das nur?“ fragte sich Sam. „War das wohlmöglich Gott, der da zu ihm sprach?! Ja, geht denn das überhaupt, dass man Gottes Stimme hören kann?! “
In den kommenden Monaten wurde Sams Leben völlig transformiert. Es war ihm so, als ob er vorher noch nie wirklich gehört hätte. So lernte er neu das Hören. Das Zuhören, das Hinhören. Täglich hielt er inne und hörte intensiv zu. Ihn überraschte, wieviel er bisher überhört hatte oder auch gar nicht hören wollte. Er lauschte Tönen, Klängen und Melodien. Wenn jemand etwas zu ihm sagte, dann bekam er sogar die Fähigkeit, nicht nur die nackten Worte aufzunehmen. Er konnte fortan auch das Unausgesprochene hören.

Aber am meisten beglückte Sam, dass er tatsächlich Gottes Worte in seinem Innersten hören konnte. Es fiel ihm nicht schwer, Gottes Reden von allen anderen Stimmen und Geräuschen zu unterscheiden. Denn wenn Gott zu ihm sprach, das wusste er nun genau, dann waren das immer Worte voller Lebensermutigung und Liebeshinwendung. Diese Worte musste er hören. Von diesen Worten lebte er geradezu. Sie verliehen ihm täglich neue Kraft und wiesen ihm seinen Weg.
Ja, das ist die Geschichte von Sam, dem Mann, der auf einmal wieder hören konnte…und das alles nur, weil sein Herz Ohren bekam!


Matthias Hoffmann
Februar 2021



DER STERN IN JENER NACHT

Es war Mitternacht und Raffi war dran, die Nachtwache zu übernehmen.
Seit ein paar Monaten hatte er es geschafft. Er war nicht mehr länger der einfache Hirtenbursche aus einem unbedeutenden kleinen Dorf vom Land, sondern jetzt stand er in Diensten des Tempels von Jerusalem. Ja, tatsächlich er hatte es geschafft! Seine Familie war so stolz auf ihn; und der Lohn am Ende des Monats stimmte auch.

Es war eine jener sternenklaren Nächte. Kalt und windig, wie sie oftmals auf den Bergen Judäas daherkommen. In solchen dunklen Stunden malte sich Raffi in seinen kühnsten Träumen aus, mit wilden Bären und Löwen mutig zu kämpfen, wie einst König David, der auch hier auf den Feldern Bethlehems die Schafe hütete. Aber, was Raffi in jener besonderen Nacht erleben sollte, war weitaus mehr als jedes Abenteuer dieser Welt ihm bieten könnte.

Zuerst war da jener Stern. Schon seit Längerem war er den Hirten bei ihrer Nachtwache aufgefallen.  Man sprach darüber. Solch einen gewaltig großen und leuchtenden Himmelskörper hatten selbst die Alten und Erfahrensten noch nie beobachtet. Der strahlte ja fast so golden, wie der Mond. Das helle Licht in der Nacht ließ die Tiere unruhig sein. Ihr ständiges Blöcken wollte nicht aufhören und ließ die Hirten kaum Schlaf finden.

Da geschah es. Zuerst dachte Raffi, er wäre kurz eingenickt und träume nur. Aber das helle gleißende Licht, dass ihn, die anderen Hirten und selbst die Schafherde umstrahlte, war so real. Nein, das war kein Traum oder Trugbild. Aber was geschah jetzt hier? Geblendet vor lauter Helligkeit konnte keiner mehr etwas sehen.
Zunächst wurde alles leise. Bewegungslos und wie gelähmt stand Raffi da. Die Zeit schien, still zu stehen. Selbst die Schafe waren verstummt. Und dann war da jene Musik. Es klang wie der Gesang der Priester im Tempel. Aber, was soll ich sagen: es war noch viel herrlicher, erhebender und schöner zugleich. Wie ein Chor von Tausenden von Stimmen, rein und klar. Einfach himmlisch. So etwas Herrliches hatten Raffi und die anderen Hirten noch nie gehört. Langsam gewöhnten sich ihre Augen an den hellen Schein. Jetzt konnten sie es sehen. Tatsächlich, es waren Tausende von Wesen, die rings umher standen und leidenschaftlich sangen. Raffi rieb sich die Augen. Das müssen Engel sein, Boten Gottes. So wie die aussahen. Er hatte auf dem Markt in Jerusalem schon mal ein Gefäß aus einem Material, das man Glas nannte, gesehen. Eine Karawane aus dem fernen Ägypten brachte es mit. Nie würde er vergessen, als das Licht der Sonne, wie ein kleiner Regenbogen, bunt durch jenes Gefäß schimmerte. Komisch, daran musste er jetzt denken im Anblick jener Himmelswesen.

Und eigenartig, was sangen sie nur immerzu da? Raffi lauschte …:

Ehre sei Gott im Himmel. Denn ER bringt der Welt Frieden und wendet Sich den Menschen in Liebe zu!“

Die Schockstarre der Hirten löste sich langsam, als sich ein großer mächtiger Engel ihnen näherte und mit sanfter Stimme zu sprechen begann: „Fürchtet euch nicht! Ich verkünde euch eine Botschaft, die das ganze Volk mit großer Freude erfüllen wird. Heute ist für euch in der Stadt, in der schon David geboren wurde, der versprochene Retter zur Welt gekommen. Es ist Christus der Herr! Und daran werdet ihr ihn erkennen: Das Kind liegt, in Windeln gewickelt, in einer Futterkrippe!“


So geheimnisvoll und überraschend, wie die Himmelswesen aus dem Unsichtbaren aufgetaucht   waren, so schnell waren sie auch wieder vor den Augen der Hirten verschwunden. Nun gab es für Raffi kein Halten mehr. Ohne zu überlegen, rannte er los. Und auch die anderen Hirten folgten ihm nach, hinein in die Dunkelheit der Nacht. Aber wohin? Wo würden sie den Retter, den ersehnten Messias, finden?
Da leuchtete jener Stern am Himmel. Jetzt, wo das Licht der Engel nicht mehr da war, konnten sie seinen Schein wieder wahrnehmen. Seine Strahlen markierten einen Pfad durch die Finsternis der Nacht. Nach wenigen Kilometern erreichten sie die ersten Hütten und Häuser von Bethlehem.  Wo mag wohl der Retter der Welt geboren sein? Vielleicht im Haus eines reichen Händlers oder in der Villa eines vornehmen Bürgers? Jetzt konnten sie es deutlich sehen. Das helle Licht des Sterns erstrahlte über einem schlichten Stall am Rand der Felder. Welch ein seltsamer Ort für die Geburt des Retters der Welt?!

Raffi drängte sich als erster durch die schmale Eingangspforte. Die anderen Hirten folgten ihm sogleich. Was sie dort fanden und sahen in jenem Stall, das hätten sie niemals beachtet und ganz gewiss in der Dunkelheit jener Nacht völlig übersehen, wäre nicht das Licht des Himmels durch die Engel und den Stern in ihrem Innersten aufgeleuchtet. Es hätte gewiss keinen größeren Unterschied geben können, zwischen dem, was ihre Augen da sahen und dem, was sich jetzt in ihren Herzen ereignete. Mit ihren natürlichen Sinnen erblickten sie eine ganz normale Familie: Vater, Mutter und ein neugeborenes Baby in der Armseligkeit eines Stalles. Aber im Licht der Herrlichkeit, das in ihren Herzen angezündet worden war, konnten sie im Glauben viel weiter schauen. So erkannten sie in diesem Kind das freundliche Angesicht Gottes.
Auf einmal ergab alles einen tieferen Sinn. Der Messias musste hier in Bethlehem geboren werden. Und sie, die Hirten, die dafür angestellt waren auf den Feldern Bethlehems Jahr für Jahr die perfekten Lämmer fürs Passafest zu suchen, sie sollten die ersten sein, die das Lamm Gottes finden würden. Es lag ein tiefes Geheimnis über jener Nacht.  Heilige Ehrfurcht überkam die einfachen Männer. Sie fühlten sich so geehrt, ein Teil von Gottes großem Plan zu sein.
Auf dem Weg zurück zur Herde, dachte Raffi nach: „Was für eine Nacht?! Ja, das ist wahrlich mehr, als ein Abenteuer mit wilden Tieren zu kämpfen!“ Dann begann er zu singen und die anderen stimmten froh mit ein. Auch, wenn der Gesang der Männer etwas schräg und schief daherkam, und nicht ganz so schön wie der Engelchor klang, aber ihre Herzen waren so voll von dem Wunder jener Nacht, dass sie einfach Gott lauthals loben mussten.

Der Stern jener Nacht war noch für viele Monate am Himmelszelt zu sehen, bis er kleiner und kleiner wurde und dann gänzlich verschwand. Aber sein Licht hat niemals aufgehört zu leuchten. Zuerst erstrahlte er in den Herzen von ein paar einfachen Hirten, so wie Raffi und dessen Freunden. Danach in den Herzen von Sternendeutern aus fernen Ländern. Später dann sollte sein heller Schein in den Jüngern Jesu weiterleuchten und auch in allen Menschen, die sich aufmachen würden, selber dem Wunder der Heiligen Nacht zu begegnen.

Der Apostel Paulus schrieb einmal:
„So wie Gott einmal befahl: Licht soll aus der Dunkelheit hervorstrahlen! – so hat Sein Licht auch unsere Herzen erhellt. Jetzt erkennen wir klar, dass uns in Jesus Christus Gottes Herrlichkeit entgegenstrahlt!“


Matthias Hoffmann
Weihnachts-Geschichte 2020

DER BÖSE BLICK

Weißt Du eigentlich, wie es damals dazu kam, dass die Menschen auf der ganzen Welt, sich nicht mehr einander in die Augen sehen wollten?! – Nein?!

Ja, so ist das mit uns Menschenkindern! Wir machen manchmal dumme Sachen, von denen wir später nicht mehr wissen, warum, wieso und weshalb. Deshalb braucht es uns, die Alten, die von den längst vergangenen Zeiten erzählen können, die es lange zuvor einmal gegeben hat und wo das Leben auch ganz anders aussehen konnte – ohne, dass uns gleich der Himmel auf den Kopf gefallen wäre. Aber nun alles der Reihe nach… Ich will Euch gern die Geschichte erzählen…

Wie gesagt, vor langer Zeit kam auf der Welt ein Gerücht auf. Zunächst behaupteten es nur ein paar wenige Leute. Aber, weil diese als Weise und Gelehrte großes Ansehen besaßen, sprach man bald überall davon. Wohlmöglich hatten die ja Recht. Vielleicht wussten sie mehr als die anderen. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde.Du fragst: was war denn nun jenes Gerücht?!

Damals begann jene schlimme Krankheit, die uns Menschenkinder bis heute so sehr quält – und keiner wusste so recht, wie sie zu heilen sei. Bis die Weisen und Gelehrten kamen und mit lauter, fester Stimme behaupteten: Sie hätten den wahren Grund für diese Krankheit herausgefunden. Es läge am bösen Blick! Jeder, der einem anderen zu fest in die Augen schaue, verbreite dadurch den bösen Blick. Und dieser böse Blick mache die Menschen krank und stehle ihnen die Lebenskraft. Deshalb sei künftig jeder Augenkontakt zu vermeiden! Nur so könne man die Menschheit noch retten!

Tja, und weil man den Weisen und Gelehrten vertraute, wurde genau getan, was sie von den Leuten forderten. Das war also der Beginn jener Zeit, wo weltweit die Menschen ihren Blick senkten, wenn sie einander begegneten.

Anfangs gab es an manchen Orten zwar noch Widerstand. Hier einige wenige Liebespaare, die nicht darauf verzichten wollten, einander tief in die Augen zu schauen. Dort ein paar Eltern, die mit ihren Blicken ihre Kinder lenken und leiten wollten. Aber der Druck der Mehrheit ließ keinen Widerspruch zu. Nein, nur durch gehorsames Wegschauen könne man den Fluch des bösen Blickes brechen und so die schlimme Krankheit abwenden.

Seitdem sind viele Jahre vergangen. Der Umgang der Menschen unter einander ist ein gänzlich anderer geworden. Auf jeden Fall kein besserer. Die Blicke der Leute ruhen jetzt nur noch auf Besitztümern, auf vergänglichen Sachen und auf dem Werk der eigenen Hände. Täglich hört man allerorten, welch eine Rettung es der Menschheit gebracht habe, dass wir einander nicht mehr justament in die Augen schauen. Zwar würden immer noch Menschen an der schlimmen Krankheit sterben, aber weitaus weniger als vorher. Deshalb bliebe das Wegschauen der einzig richtige Ausweg.

Es sei meinem Alter geschuldet. Aber ich hatte nun schon so viele Jahre mit gesenkten Augenlidern gelebt. Da war ich es leid geworden. Eines Tages hob ich meine Augen und sah mir die Menschen wieder an. So musste ich feststellen: Nein, das Wegschauen und einander aus dem Weg gehen, das hat uns nicht die Erlösung gebracht. Das hat die Menschen nur noch einsamer und innerlich kränker gemacht. Aber, weil wir einander ja nicht ansehen dürfen, bleibt die große innere Leere und Einsamkeit vor den Augen der meisten verborgen.

Ja, ich habe meine Augen wieder weit geöffnet!Und ich habe dabei festgestellt, es gibt da draußen noch viel mehr Augen-auf-Menschen, so wie mich. Unsere Blicke haben einander gesucht, gefunden und sind uns begegnet. Wir haben nicht mehr länger wegsehen wollen, sondern unsere Augen sprechen jetzt wieder mit einander. Unsere Blicke ruhen neu ineinander. Das tut so unendlich gut. Eine Augenweide für Hingucker.

Liebe Leute, ich kann nur sagen, dass mit dem bösen Blick ist einfach nicht wahr. Zwar weiß ich auch nicht genau, wie jene schlimme Krankheit daherkommt und völlig zu heilen sei, aber Wegschauen ist gewisslich nicht die Lösung – das weiß ich nun!

Es werden immer mehr, denen auch die Augen aufgehen und die neu zu sehen anfangen. Wohlmöglich werden sich auch unsere Blicke bald begegnen – dann schenk mir bitte Deinen guten Blick… und schau mir in die Augen, Kleines 😊!


Matthias Hoffmann
November 2020

Die große Suche

Dies ist die Geschichte von der großen Suche.
Sie erzählt von einer Zeit, lange vor unserer – als diese Welt noch jung war.

Eines Tages befiel die Menschheit eine böse Krankheit.
Niemand hatte sie kommen sehen. Sie schlich sich geradezu unsichtbar durch die Hintertür bei Dunkelheit herein. Schon bald gab es mehr oder weniger in fast jedem Stamm, jeder Sippe und jeder Familie jemanden, der daran erkrankt war. Wen diese Seuche packte, dem verschlug es kurz darauf den Atem. Die Krankheit schnürte die Kehlen zu, machte Lungen und Herzen schwer wie Blei; ja, sie raubte alle Lebenskraft.

Als die ersten Menschen daran verstarben, begann die große Suche.
Könige und Mächtige der Völker kamen zusammen und berieten lange mit einander. Schließlich kamen sie überein, dass sie alle ihre Weisen und Gelehrten, Druiden und Alchemisten zusammenrufen würden, um ihnen den Auftrag zu erteilen, ein Heilmittel gegen diese schreckliche Pein zu finden.

Gesagt, getan…und so begann die große Suche.
Überall – von den hohen schneebedeckten Bergen bis zu den dunklen Tälern, vom endlos weiten Meer bis zu den undurchdringlichen Wäldern – überall suchten und suchten die Forscher und Weisen nach einem Allheilmittel, nach Ausweg und Rettung für die geplagte Menschheit. Aber so sehr sich auch die klügsten Köpfe abmühten, sie fanden keine wirksame Medizin, die diese verheerende Plage zu heilen vermochte.

So traurig und hoffnungslos wäre es fast geblieben, wenn nicht jener einfache Hirtenbursche damals vorbeigekommen wäre.
Zuerst wollte man ihn gar nicht durchlassen. Wer war denn er?! Wer sollte schon auf einen Hirten hören, wenn es um die Rettung der Welt geht?! Was weiß der denn von Heilkräften und Naturgesetzen?
Aber da selbst den bedeutendsten Gelehrten keine Antwort mehr einfiel, war man schließlich geneigt dem Jüngling zuzuhören.

Der Hirte sagte:
„Meine sehr verehrten und mächtige Herren…danke, dass Ihr bereit seid den Worten eines einfachen Hirten Gehör zu schenken. Hier in dieser Flasche habe ich die passende Medizin um jene hässliche Seuche zu beenden, die die Menschheit befallen hat und so bitterlich quält!“
Ein ungläubiges Raunen ging durch die Menge der hilflosen Weisen und ohnmächtigen Mächtigen. Sie wollten allzu gerne wissen, woher der Hirte denn sein Wissen habe und ob alles mit rechten Dingen zuginge.
„O ja; meine Herren! Ich habe hier die Medizin, die all meine Schafe gesund gemacht hat – egal welche Krankheit und Seuche meine Herde befiel. Nun habe ich die feste Zuversicht gewonnen, dass dieses Elixier auch alle Menschen von jener bösen Krankheit zu heilen vermag!“

Fast wäre die ganze Versammlung in einem Tumult und Wirrwarr an Meinungen und Empörungen untergegangen. Aber, weil niemand sonst eine andere Lösung gefunden hatte, war man schlussendlich doch bereit, zwar mehr widerwillig als überzeugt, jene Medizin eines Schaf-Hirten an einigen schwer Erkrankten auszuprobieren.

Und was soll ich sagen?!
Schon kurze Zeit später wurde es so viel besser mit diesen Leuten – bis sie sogar wieder ganz gesundeten. Die gute Nachricht sprach sich schnell herum und alle wollten nun die Medizin des Hirten haben.

Die Weisen fragten neugierig:
„Erzähle uns, guter Mann, was ist das Geheimnis der Rezeptur deines Wundertrankes?!“
Der Hirte antwortete:
„Da habt ihr recht gesprochen. Es ist wahrlich ein Wundertrank – aber anders, als ihr vielleicht denken mögt. In meiner Flasche ist nur reines Wasser. Wasser, wie ihr es aus jedem Brunnen oder Fluss schöpfen könnt.“

Die Gelehrten und Mächtigen erschraken und blickten hilflos drein.
„Aber wie konnten dann die Kranken gesunden?“ fragten sie sich untereinander.
Der Hirte erhob seine Stimme laut über alles fragende Gemurmel:
„Nicht das Wasser brachte das Wunder der Heilung. Ich habe gelernt dem großen Hirten, dem Schöpfer der Welt, zu vertrauen. ER, der Unsichtbare, ist der Mächtigste; ER ist der wahre Heiler und der alleinige Wundertäter. Aber, so wie kein Mensch ohne Wasser zu leben vermag, so können auch wir nicht ohne IHN leben. ER allein ist unsere Hoffnung und Medizin.“

Als das, die Menschen hörten, berührte es tief ihre Herzen. Sie schenkten den schlichten Worten des Burschen ihr Vertrauen – oder besser gesagt: sie vertrauten ebenfalls jenem unsichtbaren mächtigen großen Hirten, der hinter ihm stand und von dem alles Leben kommt.
So endete damals die große Suche.
Die Leute vertrieben jene böse Krankheitsmacht durch ihr Vertrauen in den guten, unsichtbaren Hirten der Menschheit.
Man kam überein: So sollte es auch für alle Zeiten fortan bleiben!

Viele Jahre sind seitdem vergangen. Unzählige Plagen und Nöte haben die Menschheit seither heimgesucht. Leider haben wir Menschen den großen Hirten wieder aus unseren Augen und aus unserem Herzen verloren.

Deshalb begeben wir uns jedes Mal neu: auf die große Suche.
Wird uns wohl auch diesmal ein Hirte den Ausweg zeigen?!

Matthias Hoffmann
Oktober 2020

Der Mantel

Sie sind schon einen sehr langen Weg mit einander gegangen. Hanna und Simeon. Seit über dreißig Jahren mit einander verheiratet. Meistens glücklich, oftmals aber auch herausgefordert durch die Andersartigkeit des Partners. Was haben sie nicht alles schon mit einander erlebt, durchlebt und überlebt?! Dankbar können sie auf so viele Wundergeschichten ihrer Liebe zurückblicken.

Gott hat ihnen Kinder und Enkel geschenkt. Sie besitzen gute Freunde in nah und fern. Sie leben gesund und glücklich in einem wunderschönen, gemütlichen Haus mit Garten.  Ihnen fehlt es wahrlich an nichts.

Das größte Abenteuer ihres Lebens begann aber damit, dass die Beiden vor etlichen Jahren auf einem ungewöhnlichen Basar einen ganz besonderen Fund machten:
Es war jener geheimnisvolle rote Samtmantel, der ihnen damals in die Hände fiel. Fast hätten sie ihn übersehen. Fast hätten sie ihn achtlos bei Seite geschoben. Sie hielten ihn nur für ein belangloses Stück Requisit aus längst vergessener Zeit, das sie scheinbar gar nicht selber brauchten. Aber, als Simeon den Mantel damals das erste Mal anzog, da erlebte er eine Kraft darunter, die fortan sein ganzes Leben revolutionieren und verändern sollte. Das war der rote Mantel der Vaterliebe Gottes. Simeon reichte ihn weiter an Hanna. Und auch sie wurde durch das Tragen des neuen Gewandes verwandelt. Die Beiden erworben das Kleidungsstück. Es kostetet ihnen alles. Doch sie waren dazu bereit, alles zu geben, weil sie erkannten, welcher Schatz ihnen mit diesem Mantel der Vaterliebe anvertraut wurde.

Seither sind so viele Jahre vergangen. Hanna und Simeon haben den roten Mantel überall mit hingenommen. Sie teilten ihn mit unzähligen Menschen in Not. Sie bargen Bedürftige und Schutzsuchende auf der ganzen weiten Welt darunter. Sie teilten den Schatz und das Geheimnis des Mantels der Vaterliebe mit Tausenden und Abertausenden. Und je mehr sie ihn anderen umlegten, umso mehr vervielfältigte sich die Kraft und die Macht der Liebe des himmlischen Vaters, die davon ausgingen. Je mehr sie weggaben, umso reicher wurden sie. So zu leben, das allein schon hätte Hanna und Simeon gereicht.

Aber dann geschah Folgendes.
Wieder einmal waren die Beiden unterwegs, den roten Mantel der Vaterliebe mit Menschen in allerlei Nöten zu teilen und das Wunder Seiner göttlichen Kraft zu den Schwachen zu bringen. Da begegnete ihnen mitten im Treiben auf der Straße des Lebens ein Fahrender Händler mit seinem Kaufmanns-Wagen, voll mit bunten Kleidern und Gegenständen für den Gebrauch des Alltags. Und wieder blieb ihr Blick an einem Samt-Mantel hängen. Dieses Mal war die Farbe des Mantels türkis. Türkis so grünlich-bläulich schimmernd, wie das grenzenlos wogende Meer und das weite Himmelszelt, das sich darüber unendlich weit hin erstreckt. Was hatte es nur mit diesem türkis-farbigen Mantel auf sich?! Wieder schlüpfte Simeon zuerst hinein. Da überflutete ihn die Nähe Gottes in solch einer Macht und Herrlichkeit, dass es ihm ganz heiß im Herzen wurde. Sogleich gab er auch Hanna den Mantel zu tragen und auch sie badete in dem Meer von Frieden und Ruhe darin.  Da merkten sie auf einmal, dass jener Händler niemand anderes ist, als ihr himmlischer Vater höchstpersönlich.

Und Abba-Vater sprach zu Hanna und Simeon:
„Danke, dass Ihr Beiden in solcher Treue und Hingabe Meinen roten Mantel der Vaterliebe in alle Welt getragen habt. Darunter fanden so viele Meiner verlorenen und verletzten Kinder Heilung, Zuflucht und Wiederherstellung! Schaut nur, jetzt verleihe Ich Euch einen neuen Mantel der Autorität. Dieser Mantel in türkis ist Mein Schalom-Mantel!
Das heißt nun nicht, die Zeit des roten Mantels und der roten Herzen sei vorbei!Nein, Meine Vaterliebe wird immer und ewig benötigt werden. Aber Ich bringe jetzt eine neue Farbe mit ins Spiel. Denn meine geschundenen und verängstigten Kinder in den letzten Zeiten brauchen heute ganz besonders auch noch dieses. Sie brauchen Meinen Schalom, Meinen Frieden in ihren Herzen. Ohne diese Herzensruhe können sie es nicht schaffen in einer immer dunkler werdenden Welt zu überleben. Darum geht nun hin und tragt den türkisenen Schalom-Mantel, so wie ihr den roten Mantel getragen habt.“

Als Hanna und Simeon den türkisenen Mantel ehrfurchtsvoll staunend in ihren Händen hielten, entdeckten sie, dass die Innenseite des neuen Mantels in rotem Samt ausgekleidet war. So würden sie Beides weiterreichen können: den Schalom Gottes, der so weit reicht wie das Meer und der endlos weite Himmel –   und die Liebe ihres wunderbaren Vaters, die rot strahlt, wie die aufgehende Sonne. Froh und zuversichtlich, gestärkt mit neuer Kraft, machten sie sich auf den Weg! Sie wussten tief in ihrem Innersten, dass der Vater unsichtbar mit ihnen unterwegs sein würde. Auf zu neuen Ufern. Hin zu neuen Horizonten. Dort, wo Gottes Kinder auf diesen Mantel schon warteten. Und unter dem türkisenen Mantel würden Frieden, Trost und neue Hoffnung die Herzen Vieler neu erfüllen.

Matthias Hoffmann
Juli 2020