Der Mann, der das Staunen neu lernte

Egon ist Professor an der Universität. Da arbeitet er schon so lange, wie er denken kann. Sein Spezialgebiet ist die Quantenphysik. Für viele Leute mag das ein sehr kompliziertes Wissensfeld sein. Viel zu theoretisch, zu viele mathematische Formeln und Berechnungen und zu abstrakt abgehoben. Aber Egon liebt seine Arbeit. Wenn er in die subatomare Welt der Kleinstteilchen abtauchen kann, dann fühlt er sich lebendig. Jedenfalls mehr lebendig, als unter Menschen. Atome, Quanten und Quarks sind seine wahren Freunde. Egon hat es nicht so mit Beziehungen zu realen Leuten. Darum ist er mit seinen Anfang Sechzig auch immer noch allein. Doch, wie gesagt, er will es auch gar nicht anders. Solange er nur seine Forschungsarbeiten hat.

Aber dann passiert etwas, was Egon völlig aus der Bahn wirft. Ein Schlaganfall. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Er hat es nicht kommen sehen. Eigentlich gab es auch gar keinen Grund dafür. Wieso auch?! Egon lebt gesund. Er raucht nicht, er trinkt nicht. Er hält sich fit und fährt sogar jeden Tag mit seinem alten, klapprigen Herrenrad zur Uni. Jedenfalls hat er es getan bis zu jenem Tag, an dem alles anders wurde.
Sein Körper, sein Leben, alles wurde jäh in zwei Hälften gerissen.
Seine rechte Hälfte ist nun gelähmt und baumelt, wie ein Fremdkörper an ihm herab. Die linke Hälfte kann er nach wie vor mit seinem Verstand regieren und kontrollieren, so wie er es immer tat. Egon lebt jetzt in zwei Welten. Und das ist auch nicht wirklich besser geworden nach den Wochen in der Reha-Klinik.

Zumindest das Sprechen kam wieder zurück. Wortfindungsstörungen sind nur noch gelegentlich da. Wenigstens ein Lichtblick am Horizont. Aber dieser verdammte Kontrollverlust. Diese demütigende Bedürftigkeit, Hilfe und Unterstützung durch andere zu benötigen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er darauf gerne verzichten können. Aber ihn hat ja keiner gefragt und nun geht es nicht mehr anders. Er braucht andere Menschen, die ihm helfen bei den kleinsten Alltäglichkeiten.
Gott sei Dank – oder wem auch immer… er braucht wenigstens nicht in eine externe Pflegeeinrichtung, sondern kann in vertrauter Umgebung in seiner Wohnung bleiben. Seine sehr gute, aber dafür auch sehr teure Krankenversicherung ermöglicht ihm eine häusliche Pflege.

Lars heißt der junge Pfleger, der jetzt jeden Tag zu ihm kommt und ihn betreut. Der ihm hilft beim Waschen, Anziehen, bei den physio-therapeutische Sperenzien und bei tausend anderen Sachen. Egon hat bis dato nicht gewusst, wieviel man so allein gut hinbekommt. Aber das ist nun vorbei. Das ist total frustrierend!

Seinen Frust hat er dann an Lars ausgelassen. Neulich hat Lars ihn angesprochen und gefragt, warum Egon sich so hängen lässt. Warum er so pessimistisch, depressiv und negativ drauf sei. – Na, das ist doch wohl offensichtlich. Das Leben hat ihm schlecht mitgespielt und da hat man doch wohl sein Recht drauf, sich richtig mies zu fühlen. Oder etwa nicht?

Und dann hat der Lars angefangen von Leuten zu reden, die auch ein schweres Leben haben, aber nicht aufgeben. Er erinnert Egon an einen anderen großen Physiker. Stephen Hakwing, der sein Leben lang im Rollstuhl saß und sich trotzdem nicht davon abhalten ließ, seine Lebensberufung auszuleben. Und er spricht auch von Samuel Koch, den jungen Mann, der querschnittsgelähmt ist und jetzt sogar geheiratet hat. Egon kann sich noch gut daran erinnern, wie der Samuel Koch vor Jahren vor laufender Kamera im Fernsehen verunglückte. Egon war quasi live mit dabei gewesen. Tja, und jetzt hat der Samuel Koch sogar geheiratet? Kaum zu glauben, wozu manche Menschen fähig sind?! Nein, aber das ist nichts für ihn, für Egon! Er bleibt dann doch lieber allein mit seinen Atomen und Quanten.

Doch die Worte des Pflegers lassen Egon einfach nicht mehr los.
Sollte sein jetziges Leben in engen Grenzen doch noch einen Sinn machen?
Er muss an die Quantenphysik denken. An seine Forschungsarbeit. Hat er nicht oftmals staunen müssen über die Schönheit und Perfektion, die er mitten im Chaos fand.
Ja, Staunen ist wohl das richtige Wort dafür.
Egon fand es sein Leben lang sehr beruhigend zu wissen, dass man wissenschaftlich alles logisch erklären kann. Bis er Quantenphysiker wurde. Für die chaotische Welt der Quantenteilchen scheint das nicht mehr zu stimmen. Je tiefer wir schauen, desto unlogischer und fast scheinbar willkürlich geht es da zu. Aber dabei doch irgendwie auch wieder absolut perfekt und von höherer Hand geordnet.
Ja, genau diese Worte fielen Egon oft bei seinen Forschungen ein: von höherer Hand geordnet! Gibt es da jemand Höheres? Gibt es da jemand, der alles sieht, lenkt und in seiner Hand hält?!
Erinnerungen steigen auf. Egon war ja auch mal ein junger Mann und da sangen sie damals am Lagerfeuer Gospellieder zur Gitarre. „He´s got the whole world in his hand.“ Gott hält die ganze Welt in Seiner Hand. Schön, wär´s!

Aber bei Egon hat Gott wohl danebengegriffen. Ihn hat er fallen lassen. Schlaganfall.
Nein, er kann nicht verstehen, wozu das gut sein könnte. Wie passt ein solcher Schlag mit Gott zusammen?! Egal welchem Gott?!
Doch dann muss Egon wieder an seine vertrauten Freunde, an die Welt der Atome, denken. Er muss daran denken, wie ein Atom zu 99 Prozent mit Unsichtbarem gefüllt ist. Das ganze Universum ist zu 95 Prozent mit unsichtbarer Materie und Energie erfüllt. Und da ist es wieder das Staunen in ihm. Alles Leben, angefangen vom winzig kleinen Atom bis zur unendlichen Weite des Universums, scheint mit einer gefüllten Energie aufgeladen zu sein, die man nicht sehen kann, die aber doch da ist. Unlogisch unsichtbar, und doch messbar, real erfahrbar.
Egon staunt. Und sein Staunen wird zu einem Gebet. Zu einer zarten Frage in seinem Herzen: „Du… Du Unsichtbarer, der Du alles umgibst und durchdringst. Bist Du auch bei mir, hier in meiner Not?!“
Zuerst Staunen. Dann Schweigen und Stille. Zum Schluss Frieden.
Friede, nicht von dieser Welt, erreicht das Innerste von Egon.
Und dieser Friede ist ihm Antwort genug. Eine Antwort, die Egon unendlich guttut.

Matthias Hoffmann

Das vergessene Geschenk

Zu meinen Kindheitserinnerungen gehört folgende kleine Geschichte, die immer wieder neu mein Herz berührt, wenn ich mich darauf zurück besinne.

Es waren jene entbehrungsreichen Jahre nach einem langen Krieg. Meine Eltern waren als Flüchtlinge ins Land zurückgekommen und besaßen nur sehr wenig an materiellen Gütern. Aber dafür war ihr Herz überfließend reich gefüllt mit Liebe und Phantasie. Sie verstanden es für uns Kinder eine Welt zu erschaffen, in der wir keinen Mangel verspürten. Hatten wir äußerlich gesehen vielleicht nur wenig vorzuweisen, so waren wir innerlich doch unerschöpflich reich.

Mutter konnte einfach aus allem etwas Schönes hervorzaubern. Sie machte aus Strohgebinden und etwas bunten Stoff kleine Puppen, mit denen wir spielen konnten. Alte Konservendosen wurden blank poliert und dienten uns Kindern als Spielzeug Geschirr in unserem königlichen Abenteuer-Palast. Nie werde ich jenen besonderen Fußball vergessen können, den uns Mutter eines Tages schenkte. Er bestand aus zusammengenähten Lederfetzen und sah zugegebenermaßen eher kartoffelförmig unrund aus, aber er erfreute unsere Herzen und bescherte uns Jungs so manches wilde Spiel. Wenn dann Vater abends nach Hause kam, müde von seiner schweren Arbeit, ließ er es sich nicht nehmen, uns Kinder ins Bett zu bringen. Vorher gab es stets eine wunderbare selbst-erfundene Geschichte. Mal voller Abenteuer und Sehnsucht nach der weiten Welt. Mal eine herzzerreißende Erzählung über Geschwister, die in höchster Not treu für einander einstehen. Und so manches Mal gab es einfach die lebendige Nacherzählung eine Begebenheit aus der Bibel.

Wie gesagt, das waren damals keine leichten Jahre, aber in meiner Erinnerung Jahre von innerer Glückseligkeit und Geborgenheit.

Besonders liebten wir Kinder die Festtage: Geburtstag, Weihnachten, Ostern und Ernte-Dank. Da wurde die Wohnung festlich geschmückt. Wir lebten Tage und Wochen auf das große Ereignis hin. Aufgeregte Vorfreude und spannungsvolle Erwartung lagen in der Luft. Unsere Eltern lehrten uns, dass frohes Erwarten bereits zum Festgenuss dazu zählt. Es lohnt sich, zu warten. Ungeduld und ungebührliche Neugierde können sogar das Fest verderben.

So erging es uns leider in dem einen Jahr vor dem Weihnachtsfest, als wir Kinder es einfach nicht mehr aushielten. Die Eltern waren nur kurz außer Haus, um etwas bei den Nachbarn zu erledigen, die dringend ihre Mithilfe brauchten. Kaum waren sie aus der Haustür, da begann die Neugier wie ein innerlich verzehrendes Feuer an uns zu nagen und zu fressen. Wir wussten, dass Mutter und Vater die Weihnachtsgeschenke im großen Kleiderschrank in ihrem Schlafzimmer versteckten. Was würden wir wohl dieses Jahr am Heiligabend bekommen? Zunächst öffneten wir nur die Tür zum Schrank; dann nach Minuten des inneren Kampfes schauten wir hinein und fingen an in Bergen von Kleidern herum zu wühlen.
Als wir dann die ersten, in buntes Papier eingepackten, Geschenke fanden, gab es kein Zurück mehr. Gierig rissen wir die Verpackung auf und schauten mit großen Augen hinein. Anfangs waren die Begeisterung und Freude noch riesig, bis wir langsam begriffen, dass nun die Überraschung dahin ist und wir am Heiligabend alle Geschenke bereits wissen würden. Der herrliche Glanz, der Weihnachten sonst erfüllte, war auf einmal verblasst und verpuffte wie Nebel am Morgen. Als die Eltern dann heimkamen, ließ sich unser Fehlverhalten nicht verbergen. Uih, das gab Ärger, sag ich euch. Mutter weinte sogar bitterlich vor Enttäuschung und Vater schimpfte hilflos vor lauter Zorn. Doch nach einiger Zeit beruhigten sich wieder die Gemüter und es wurde hernach doch noch ein ganz schönes Weihnachtsfest, an dem wir Kinder umso besser das Geheimnis unverdienter Gnade kennen und verstehen lernten.
Im Jahr darauf zur Weihnachtszeit versteckten unsere Eltern die Weihnachtsgaben an neuen geheimen Orten, was es für uns Kinder fast unmöglich machte, hinterher zu spionieren. Und ehrlich gesagt, hatte auch keiner von uns das Verlangen, nochmals den Glanz von Heiligabend zu ruinieren.
Dann war Weihnachten vorbei, mit Festglanz und Bescherung. Der Frühling kam und bald wurde es wieder Osterzeit. Es war genau am Ostermorgen. Wir Kinder hatten nach ein paar Schokoladenostereiern und anderen Süßigkeiten gesucht, die die Eltern für uns im Haus an geheimen Orten versteckt hatten. Da fiel jenes vergessene Weihnachtsgeschenk meinem Bruder bei seiner Eiersuche in die Hände. Er fand es hinter dem Sofa in der Diele. Lauthals jubelnd rannten wir damit zu den Eltern und zeigten unsere unerwartete Beute.
Nie mehr in meinem Leben würde ich die Botschaft je vergessen können, die jetzt mein Vater uns Kindern als geistliches Vermächtnis mit auf den Weg gab. Erstaunt und freudig zugleich, nahm er das vergessene Weihnachtsgeschenk in die Hand und begann: „Da ist es ja endlich, das vergessene Weihnachtsgeschenk. Es kommt genau passend und will euch Kindern und uns Großen etwas lehren. Gott, unser himmlischer Vater, hat allen Menschen auf der Welt zu Weihnachten das größte Geschenk gemacht. Er sandte uns Seinen geliebten Sohn Jesus Christus. Geschenke müssen empfangen und ausgepackt werden. Aber vielen, sehr vielen Menschen geht es so mit Jesus, unserem Geschenk des Himmels, wie mit diesem Geschenk hier. Es liegt vergessen, unberührt und unausgepackt in einem Winkel. Bis es gefunden wird. Bis das helle Licht vom Ostermorgen, vom Tag der Auferstehung unseres Herrn, jeden dunklen Winkel in den Herzen der Menschenkinder ausleuchtet. Wer sein Herz diesem Licht öffnet, der wird es sehen können. Und dann kann es sogar die Weihnachtsfreude am Ostermorgen geben! Aber wie gesagt, Geschenke wollen empfangen und geöffnet werden!“
Mit diesen Worten riss Vater das Papier auf und zum Vorschein kam ein herrlich kuschliger Teddybär, der noch für sehr viele Jahre ein treuer Freund unserer Familie sein würde und bis heute noch durch die Hände weiterer Generationen von Kindern der Kinder gereicht wird.
Ja, nie mehr werde ich jene kleine Geschichte von damals vergessen können.
Oftmals frage ich mich, wieviel ungeöffnete Geschenke des Himmels wohl noch in meinem Leben irgendwo herumliegen. Dann bitte ich jedes Mal neu, dass Jesus mir das helle Licht vom Ostermorgen senden möge.

Schalom
Matthias Hoffmann

Das Geheimnis der Tage

                
Schlomo war Töpfer in Nazareth, einem kleinen Ort in Galiläa, dem Norden Israels.

Er liebte es, wenn die letzten goldenen Sonnenstrahlen seine kleine Werkstatt mit Abendlicht erfüllten. Das war die Zeit, in der Hadassa nach Hause kommen würde, um das Abendessen vorzubereiten.

Hadassa war sein einziges Kind und sein ganzes Glück. Dies junge anmutige Mädchen von 14 Jahren  erinnerte Schlomo so sehr an seine verstorbene geliebte Frau Rachel, die viel zu früh vom ihm gegangen war. Hadassa brachte ihrem Vater Licht und Freude in sein karges, oftmals schweres Leben. Sie erzählte ihm von all den Abenteuern und Neuigkeiten, die sie im Laufe des Tages in der kleinen Stadt Nazareth auf ihren Entdeckungs-Wegen sammeln konnte.

In den letzten Tagen hielt sie sich oft im Nachbarhaus bei der Familie von Josef, dem Zimmermann auf. Besonders Josefs ältester Sohn, Jeschua, hatte es seiner Kleinen angetan. Begeistert berichtete sie mehrmals über Josefs Sohn, was der so alles konnte und wusste.

So war es auch heute Abend. Hadassa stürmte in die Werkstatt herein und umarmte leidenschaftlich ihren Vater. „Hallo, Papachen, ich bin wieder Zuhause!“, trällerte sie fröhlich. Schlomo, der noch ganz feucht lehmige Hände vom Töpfern hatte, versuchte sich aus der zärtlichen Umklammerung seiner Tochter sanft zu lösen.

„Mein Täubchen, das ist nicht zu überhören und zu übersehen. Schalom! Schön, dass Du wieder da bist! – Na, was hast Du heute bei Deinem Rabbi erlebt?!“

Schlomo nannte Jeschua, den Sohn Josefs, manchmal scherzhaft „Rabbi“ – weil Jeschua oftmals in der Synagoge dadurch auffiel, dass er die Heiligen Schriften anscheinend besser kannte, als all die gelehrten und weisen Rabbiner zu Nazareth. Man erzählte sich auch in der ganzen Stadt seit vielen Jahren, jene Begebenheit von Jeschuas Bar Mizwa. Damals in Jerusalem habe der junge Mann mit seinem Wissen der Schriften selbst die Gelehrten im Tempel in Staunen versetzt.

Hadassa verharrte bei dem, was sie gerade begonnen hatte fürs Abendessen zu richten und schaute mit ihren herrlich glänzend schwarzen Augen ihren Vater an: „Papachen – ich weiß, er ist ja eigentlich Zimmermann, aber er erlaubt mir bei seinen Arbeiten zu zuschauen und da kann ich einfach all meine Fragen stellen. Du weißt, wie viele Fragen in mir leben…!“ „O ja, mein Täubchen!“ seufzte Schlomo mit gespielter schmerzverzerrter Stimme. „Nun, und was hat dein junger schöner Rabbi von nebenan Dir heute beigebracht?!“, wollte er wissen, und zwinkerte ihr dabei aufmunternd zu.

„O, Papachen, ich liebe es, wie Jeschua die Dinge sieht. Er ist so voller Weisheit und Güte…!“, schwärmte das junge Mädchen. „Ja, ja, und er hat schöne Augen und starke Muskeln an der Oberarmen…!“ beendete der Vater ihren Satz. „Papachen, Du weißt, wie ich das meine!“ entrüstete sich Hadassa mit ebenso gespielter Empörung. „Und außerdem weißt Du genau, das mein Herz nur einem Mann gehört – und das bist Du!“ Mit diesen Worten drückte sie ihrem Vater einen dicken Kuss auf die Stirn. Diese kleinen Plänkeleien gehörten zu ihrem täglichen Hin und Her, was sie beide so gerne mochten und genossen.

„Aber gut, ich werde jetzt meinem armen alten unwissenden Papachen beibringen, was der weise Rabbi Jeschua mich heute gelehrt hat!“ sagte sie und stellte sich dabei keck und aufrecht vor ihn hin.

„Jeschua lehrte mich heute über das Geheimnis der Tage!“

Sie genoss es für einen kleinen Moment in die fragenden Augen ihres Vaters zu blicken, dann fuhr sie fort, und wirkte dabei viel reifer, als sie tatsächlich schon war. „Jeschua sagt: jeder Tag gleiche einem ganzen Leben. Er nannte das, das Geheimnis der Tage. Für uns Juden erstreckt sich die Länge eines Tages von Sonnenuntergang zu Sonnenuntergang. Dahinter liegt ein tiefes Geheimnis des Himmels, so sagt es Jeschua. Adonai, der Allmächtige und Barmherzige, habe uns in Seiner grenzenlosen Weisheit ein Gleichnis geschenkt, das wir an jedem neuen Tag durchleben können. So wie auch unser menschliches Leben im Dunkeln unserer eigenen Erinnerungen begonnen hat, beginne jeder neue Tag im Dunkeln der Nacht. Jeder Morgen, jeder Sonnenaufgang, sei wie eine Geburt. Ein neuer Tag bricht hervor, so wie auch wir aus dem Mutterschoß ins bewusste Leben hervorkommen. Die kühlen und hellen Morgenstunden gleichen der Jugendzeit voller Schaffenskraft. Diese Stunden sind am besten geeignet für die Arbeit. Die Mitte des Tages, wenn die Sonne am Höchsten steht, und die Familie sich im Schatten versammelt, gleicht der Mitte unseres Lebens, wenn wir uns Familie, Beruf und Glaubensleben im Schatten des Allmächtigen erfreuen. Der Nachmittag ist eine angenehme Zeit, nicht zu heiß und nicht zu kühl, gerade recht, um die Früchte der Arbeit zu genießen. Das sei wie im Herbst beim Laubhüttenfest, sagt Jeschua, da dürfen auch wir die Gaben der Ernte feiern. Und dann wird es bald wieder dunkel und die Nacht wird alles mit ihren schwarzen Kleidern zum Schlaf bedecken. Jeschua sagt, so wie wir uns zur Nacht Schlafen legen und wieder ins Unbewusste der Träume gleiten, so werden wir eines Tages die Augen schließen und hinübergleiten in die Wohnung des Höchsten, wo Adonai uns erwartet. – O Papachen, ist das nicht eine herrliche Weisheit Gottes?! Mein Herz ist so glücklich, dort werden wir Mamachen wiedersehen! Eines Tages!“

Schlomo hatte gebannt den Worten seiner Tochter gelauscht und dabei ganz vergessen die Töpferscheibe weiter zu drehen. Der Tonklumpen darauf, war mittlerweile schon wieder in sich zusammengesunken. Tränen standen in seinen Augen, als er sagte: „Da ist Dein Rabbi Jeschua wirklich mit Offenbarung und Weisheit des Ewigen geküsst worden! Ich glaube ich werde morgen auch einmal bei ihm in der Werkstatt vorbeischauen, denn auch ich habe da noch ein paar Fragen..!“ Dann wischte er sich mit seinen schmutzigen Händen die Tränen aus dem Gesicht und sagte: „Meinst Du, es wäre jetzt zu viel verlangt, wenn ich meine weise Tochter darum bitte ihrem, vor Hunger fast sterbenden alter Vater, das Nachtmahl zu bereiten!“

„Aber gerne doch, mein Herrscher und Gebieter!“ sagte Hadassa, schenkte ihm ein verschmitztes Lächeln und ging zur Kochstelle.

Als dann am späten Abend sich Schlomo zum Schlafen hinlegte, musste er an das Geheimnis der Tage denken. Sein Herz wurde froh über die Gewissheit, dass es ein Wiedersehen mit Rachel geben würde. Er betete zu Adonai: „Lehre mich, mein Gott, an jedem neuen Tag, was es bedeutet zu leben und zu sterben! Und danke, dass Du mein Immanuel ist, der immer bei mir sein wird!“

So schloss er die Augen und glitt hinüber in den Schlaf.                         


M. Hoffmann – Mai 2021                         

Eins aber weiß ich!

Fabian war 12 Jahre alt und er liebte es enorm, seinen alten Großvater zu besuchen.
Ihr müsst wissen, das war ein ziemlich weiser Mann, so fand es jedenfalls Fabian. Mit Opa konnte man super reden, denn der hörte richtig gut zu. Er unterbrach einen nicht einfach, so wie die anderen Erwachsenen das oftmals taten. Und er hatte auch nicht immer auf alles gleich eine passende Antwort. Manchmal überlegte er ziemlich lange, bevor er überhaupt irgendetwas sagte. Bei Opa fühlte sich Fabian verstanden mit all seinen vielen Fragen und unfertigen Gedanken. Ja, Fabian liebte seinen Opa.

Es war also wieder Mal soweit. Fabian war in den Ferien bei seinem Großvater zu Besuch. Meistens werkelten sie dann im Haus oder draußen im Garten herum, bastelten und schraubten an irgendwelchen alten Teilen oder saßen genüsslich im Schatten auf der Bank unter dem uralten Apfelbaum. Der Baum muss bestimmt auch so alt sein, wie Opa, dachte Fabian bei sich selbst, als er in das knorrige Geäst emporblickte.

Da fiel ihm wieder die Frage ein, die er seinem Opa unbedingt stellen wollte:
„Opa, woher kommen wir Menschen eigentlich? In der Schule wurde erzählt, dass alles mit einem Urknall begann. Und seitdem entwickelt sich alles weiter. Irgendwann gab es dann auch uns Menschen. Die sagen, wir stammen von den Affen ab und dass das Leben auf unserer Erde ein glücklicher Zufall ist. Aber in ein paar Milliarden Jahren wird die Sonne aufhören zu scheinen und dann ist hier sowieso wieder alles zu Ende. Glaubst Du das auch?“

Der alte Mann räusperte sich verlegen, kratzte sich genüsslich hinterm Ohr und dann schwieg er für eine ziemlich lange Weile. Indessen saß Fabian geduldig neben ihm und versuchte nicht genervt drein zu schauen. Schließlich wusste er aus eigener Erfahrung, dass man mit Ungeduld bei Opa aber auch gar nichts bewirken kann. Der ließ sich nämlich nicht drängeln. Opa pflegte dann immer nur zu sagen: „Junger Mann, nicht so eilig bitte. Ein alter Mann ist auch kein D-Zug. Und außerdem besitze ich alle Zeit der Welt – schließlich bin ich ja Rentner!“ Und damit war dann jedes Mal alles gesagt.

Also wartete Fabian geduldig auf eine Antwort.
Nach einer gefühlten Ewigkeit schaute Opa ihn an und begann:
„Mann, o Mann, was die klugen Leute heutzutage alles nur so wissen. Das ist schon beeindruckend. Ja, ich habe auch von solchen interessanten Theorien gehört. Aber, Junge, wer soll das schon wirklich wissen. Schließlich ist kein Mensch so alt, dass er selber hätte dabei sein können. Doch, wenn ich ein wenig nachsinne und auf den reichen Schatz meiner Lebenserfahrungen zurück blicke, dann muss ich dir sagen: ich habe in meinem langen Leben noch nie erlebt, dass irgendetwas ganz von alleine entstanden ist oder sich weiterentwickeln konnte. Zum Beispiel da, der alte Rasenmäher. Erinnerst du dich, wie wir ihn letztes Jahr auseinandergenommen haben, um ihn zu reparieren.
Also das Ding hat sich weder selbst erfunden, noch selbst gebaut. Ich konnte es bestenfalls ein wenig auseinanderschrauben und nach dem Defekt suchen. Das Teil konnte sich auch nicht alleine reparieren, dazu brauchte es unsereinen. Ich will damit sagen: ich weiß nicht allzu viel – eins aber weiß ich…
Diese  Welt ist kein Zufall! Einer hat sie wunderbar gemacht und ER hält alles in Gang. Auch wir Menschen sind etwas ganz besonderes, finde ich. Wir haben das, was kein anderes Lebewesen besitzt. Wir haben ein Bewusstsein, Gefühle, Gewissen und Verstand.“

Die Antwort gefiel Fabian gut. Das ermutigte ihn gleich weiter zu fragen.
„Opa, und gibt es ein ewiges Leben nach dem Tod? Ich meine, was passiert, wenn wir sterben? Die einen stellen sich vor, dass wir dann total weg sind und alles vorbei ist. Andere glauben, dass da noch was kommt. Himmel oder so? Was glaubst du?“
Wieder schwieg der alte Mann lange, bevor er weitersprach:
„Junge, Junge, du stellst gute Fragen! Tja, da macht sich wohl jeder so seine eigenen Gedanken, schätze ich mal. Ich weiß nicht allzu viel, –  eins aber weiß ich…
Wenn heute Abend die Sonne untergehen wird, dann ist sie zwar hier nicht mehr zu sehen, aber sie ist nicht wirklich weg. Sie ist nur weitergezogen und geht woanders wieder auf.“

Dieses Mal schwieg Fabian auch für einige Minuten und dachte über Opas Antwort nach, bevor er schließlich seine dritte und letzte Frage stellte:
„Opa, unser Lehrer sagt immer: Wir leben, um unaufhörlich weiter zu lernen! Das würde nie enden. Das ist der wahre Grund für uns alle, hier auf der Welt zu sein, sagt er jedenfalls! Was denkst Du darüber?“
Für die letzte Antwort brauchte Opa keine lange Bedenkzeit.
Schnell und entschlossen antwortete er:
„Fabian, dein Lehrer muss ein wirklich kluger Kopf sein, was der so alles weiß. Ich bin ja nur ein einfacher Mann. Ich weiß nicht allzu viel – eins aber weiß ich…
Wenn ich eines Tages sterben werde, dann möchte ich nicht, dass man auf meinen Grabstein schreibt: „Nur Mühe und Arbeit war sein Leben!“ – aber auch nicht: „Er lebte nur, um zu lernen!“  – Ich glaube, dass Mein Schöpfergott mich – und auch dich und alle anderen Menschen – mit voller Absicht erfunden hat. Von IHM komme ich her, und zu IHM werde ich eines Tages gehen. Und in der Zwischenzeit, damit meine ich mein ganzes langes und doch so kurzes Dasein hier auf der Welt, lebe ich, um zu lieben. Die Liebe ist das Größte, Schönste und Wichtigste. Ja, ich glaube, wir Menschen sind für die Liebe gemacht! Gott zu lieben, den anderen zu lieben und auch unser eigenes kleines Leben in Liebe zu umarmen – das ist wozu ich lebe!“

So saßen beide noch lange Zeit gemeinsam auf der Bank unter dem Apfelbaum und schauten glücklich und zufrieden vor sich her. Sie schwiegen mit einander, denn alles Wichtige war bereits gesagt

Matthias Hoffmann
April 2021



Das Glaskugelspiel

Ein weiser, alter Gottesmann sprach einmal zu einem Jüngling:
„Komm, ich werde dich ein wunderbares Spiel lehren!
Man nennt es, das Glaskugelspiel!“
Während er dies noch sagte, zog er vorsichtig eine Reihe durchsichtiger Gaskugeln nach einander aus den bauschigen Falten seines Gewandes.

„Sieh nur, das ist die Freude!“ sagte der Ate und warf die erste Glaskugel seinem Gegenüber zu. Da geschah das Unfassbare und Wundervolle. Im Flug begann die Glaskugel in den prächtigsten Farben zu leuchten. Sie verbreitete solch einen atemberaubenden Glanz und ungeahnte Schönheit, dass der Jüngling bei ihrem Anblick ganz gebannt war und fast versäumt hätte, seine Hände zum Auffangen auszustrecken. Im letzten Moment fing er sie dann doch noch. Aber da verlor sie schon wieder ihr Strahlen und wurde so durchsichtig, wie zu Beginn.

„Merkst Du, mein Freund, nur im Weitergeben entfalten die Glaskugeln ihren wahren Glanz. Darum ist es so wichtig, das Empfangene gleich wieder loszulassen und weiter zu reichen. Auf diese Weise gelingt das Glaskugelspiel!“ fügte der Alte hinzu.
„Komm, wirf die Freude wieder zurück und das Spiel kann weitergehen.“

So trennte sich der Jüngling von der soeben gefangenen Freude. Und erneut schimmerte sie in herrlicher Farbenpracht beim Flug durch die Luft. Da kam auch schon die nächste Kugel geflogen. Diesmal war es die Hoffnung. Dann kam die Liebe, danach der Friede und auch noch die Freundlichkeit. Glaskugeln flogen hin und her. Alle Farben des Regenbogens leuchteten auf. Die Kugeln wechselten die Hände und berührten die Herzen der Fänger und Werfer gleichermaßen.

Und siehe, das Glaskugelspiel war sehr gut!

Da durchfuhr den Jüngling ein verführerischer Gedanke:
„Nur einmal die Freude festhalten dürfen! Nur einmal die Liebe für mich ganz alleine besitzen können! Nur einmal das Glück mit niemanden teilen müssen!“
Und so hielt er angespannt die Freude in seinen Händen und drückte sie fest an seine Brust, dabei zerbrach sie in tausend Stücke. Und weil er entsetzt auf die Scherben starrte, bemerkte er gar nicht, dass schon die nächste Kugel angeflogen kam. So verpasste er die Liebe. Auch sie fiel zu Boden und lag zersplittert vor ihm. Ebenso verfehlten ihn die nächsten Glaskugeln: Friede, Hoffnung, Vertrauen, Geduld…alles lag in Trümmern vor ihm. Ein riesiger Scherbenhaufen.

Der Jüngling begann bitterlich zu weinen. Jetzt war das herrliche Spiel vorbei und das alles nur, weil er es selbst zerstört hatte mit seiner Habgier und Unvernunft.


„Weine nicht, mein Freund!“ hörte er die sanfte Stimme des Gottesmannes sagen.
Der Alte näherte sich und trat entschlossen hinzu. Mühsam ging er auf seine Knie und fasste unerschrocken in den Glasscherbenhaufen hinein. Dabei zerschnitten ihm die Splitter und Bruchstücke die Hände. Er musste gewisslich enorme Schmerzen erleiden. Blut quoll aus vielen Wunden und tropfte über die zerbrochenen Glas-Fragmente. Der Gottesmann nahm jede Scherbe und mit seinem Blut verklebte er die einzelnen Teile. Da geschah das nächste Wunder. Was vorher noch zerstört daniederlag, formte sich erneut unter den blutenden Händen des Alten und wurde wieder heil und neu; ja, wunderschön – so, als ob  gar nichts geschehen sei.

Der Gottesmann legte eine herrliche Glaskugel nach der anderen vor sich hin auf die Erde. Alle Kugeln waren wiederhergestellt: die Freude, der Friede, die Hoffnung, die Zufriedenheit, das Glück und wie immer sie mit Namen lauteten. Alles war wieder gut. Das Glaskugelspiel konnte also weitergehen.

Der Alte richtete sich auf und nahm ein paar Schritte Abstand, während der Jüngling kaum glauben konnte, was da soeben vor seinen Augen geschehen war.
„Lass uns von vorne beginnen!“ sprach der Gottesmann.
„Ich nehme an, dieses Mal hast du den tieferen Sinn des Spiels verstanden und wirst es wahrlich besser machen!“

„Ja, das werde ich!“ antwortete der Jüngling mutig, beugte sich und nahm die erste Kugel zärtlich in die Hand. Es war das Vertrauen. Er warf sie in die Luft und schon begann sie zu strahlen. Dann folgten Liebe, Hoffnung und Zuversicht. Ein Rausch an Farben und Empfindungen. Schöner als je zuvor. Ein Geben und ein Nehmen, ein Loslassen und Empfangen.

Und siehe, das Glaskugelspiel war sehr gut!


Matthias Hoffmann
März 2021



Vom Mann, der auf einmal wieder hören konnte

Sam hatte sich schon so sehr an seine Schwerhörigkeit gewöhnt, dass er sie im Alltag kaum mehr wahrnahm. Er könnte dir auch nicht sagen, wann es ihm selber zum ersten Mal so richtig bewusst wurde, dass sein Hören immer schlechter geworden war. Es war wohl eher ein schleichender Prozess. Schrittweise wurde es leiser und leiser um ihn her. Aber er merkte kaum etwas davon, weil dafür die anderen Stimmen in ihm umso lauter und lauter wurden.

Jene Stimmen. Voller Selbstzweifel und Kritik. Die verklagenden Worte von Unsicherheit und Versagen. Da war ein ständiges Tinnitus-Rauschen in seinen Ohren. Er hörte in seinem Inneren das Klagen seiner dominanten Mutter, die immer an allem etwas zu Nörgeln hatte. Oder das gehässige, laute Lachen seines Arbeitskollegens, der sich ständig lustig machte auf Kosten der Schwächeren. Das verunsicherte Sam und er fragte sich: „Ob der auch über mich lacht?“ Da waren die kritischen Worte und negativen Festlegungen, die ihn sein Leben lang schon verfolgten und ständig runtermachten.

Dieses Wirrwarr an brabbelnden Stimmen im Hinterkopf, diese lauten nervigen Hintergrundgeräusche seines Alltag-Lebens, sie waren für Sam derartig normal und vertraut geworden, dass er die zunehmende Taubheit, die sich bei ihm einstellte, gar nicht realisierte. Er hatte kein Gehör mehr für Menschen, die ihn ermutigen wollten und ihm gar Gutes sagten. Da war auch kein Aufhorchen möglich für neue Gedanken der Hoffnung und der Zukunft. Sam hörte nicht mehr gut. ER hörte nicht mehr zu. Und bald gehörte er auch nicht mehr dazu.

Denn je länger Sam seinen zunehmenden Hörverlust ignorierte, umso kleiner wurde sein Radius, der Lebensraum um ihn her.  Wenn er unter Menschen war, konnte er oftmals die Gespräche nicht richtig mit verfolgen. Die Frequenzen der Stimmen von Personen im Raum überlagerten einander und wurden zu einer quälenden Kakophonie. Es war ihm peinlich, immer wieder nachfragen zu müssen, wenn er mal wieder etwas nicht deutlich genug verstanden hatte. Manchmal versuchte er sogar von den Lippen der anderen abzulesen, aber das gelang ihm nur stümperhaft. Und so gab er auf. Er zog sich lieber zurück, und es wurde einsamer um ihn her.
Als er dann noch neulich beim Überqueren der Straße fast von einem Auto überfahren wurde, weil er das Hupen nicht gehört hatte, da bekam er es mit der Angst zu tun. Am liebsten wollte er jetzt gar nicht mehr das Haus verlassen.

Unaufhaltsam rückten die Grenzen näher. Seine Sinne schienen ihm wie Sand zwischen den Fingern zu zerrinnen. Sam war verzweifelt. Die Taubheit hatte mittlerweile sein ganzes Leben in Mitleidenschaft gezogen und hielt es nun fest im Griff. Alles fühlte sich irgendwie taub an. Nicht nur seine Ohren. Auch seine Augen schienen schlechter zu funktionieren. Sein ganzer Körper. Taub – gefühllos. Eine innere bleierne Schwere, wie eine Lähmung, nahm von ihm Besitz, raubte ihm alle Kraft und allen Lebensmut.
Er hatte davon gelesen, dass es schwarze Löcher im Universum geben soll, die alles verschlingen können. Ja, so kam es ihm jetzt vor. Fast hätte Sam aufgegeben und sich in sein unweigerliches Schicksal gefügt. Es war wie ein endloses Fallen in Bodenlosigkeit. ER sah schon das schwarze Loch auf sich zu rasen. Da löste sich innerlich ein Schrei in seinem Herzen. Ein Schrei um Hilfe, Rettung, festgehalten werden, aufgefangen sein. Sam schrie. Es schrie unhörbar in ihm, ohne Worte. Aber wer würde ihn hören, – erhören –  wo der doch selber nicht mal richtig hören kann?!

Und dann geschah jenes Wunder!
Das Rauschen verschwand abrupt und die  Stimmen in seinem Innersten verstummten.
Für einen Augenblick herrschte absolute Ruhe. Himmlischer Frieden. Alles wurde still in ihm. Auf einmal drang an sein Ohr der Gesang eines einzelnen Vogels, der draußen vor seinem Fenster im Baum saß und eine Melodie vor sich hin trällerte. Es kam Sam vor, als ob er noch nie zuvor dem Singen eines Vogels gelauscht hätte. Das war so einzigartig und wunderschön.

Je länger er fasziniert zuhörte, umso mehr wich die Taubheit aus allen seinen Sinnen. Die Lähmung löste sich völlig auf, wie Nebel im Morgenlicht der Sonne. Da verstummte das Lied und der Vogel flog weiter. Wieder wurde es still in ihm und um ihn her. Diese Stille war zum Greifen nahe und geradezu übernatürlich.
Auf einmal hörte Sam die Worte: „Habe keine Angst. Du bist nicht allein. Ich bin bei Dir und werde immer bei Dir sein, weil ich Dich liebe!“

„Wer war das nur?“ fragte sich Sam. „War das wohlmöglich Gott, der da zu ihm sprach?! Ja, geht denn das überhaupt, dass man Gottes Stimme hören kann?! “
In den kommenden Monaten wurde Sams Leben völlig transformiert. Es war ihm so, als ob er vorher noch nie wirklich gehört hätte. So lernte er neu das Hören. Das Zuhören, das Hinhören. Täglich hielt er inne und hörte intensiv zu. Ihn überraschte, wieviel er bisher überhört hatte oder auch gar nicht hören wollte. Er lauschte Tönen, Klängen und Melodien. Wenn jemand etwas zu ihm sagte, dann bekam er sogar die Fähigkeit, nicht nur die nackten Worte aufzunehmen. Er konnte fortan auch das Unausgesprochene hören.

Aber am meisten beglückte Sam, dass er tatsächlich Gottes Worte in seinem Innersten hören konnte. Es fiel ihm nicht schwer, Gottes Reden von allen anderen Stimmen und Geräuschen zu unterscheiden. Denn wenn Gott zu ihm sprach, das wusste er nun genau, dann waren das immer Worte voller Lebensermutigung und Liebeshinwendung. Diese Worte musste er hören. Von diesen Worten lebte er geradezu. Sie verliehen ihm täglich neue Kraft und wiesen ihm seinen Weg.
Ja, das ist die Geschichte von Sam, dem Mann, der auf einmal wieder hören konnte…und das alles nur, weil sein Herz Ohren bekam!


Matthias Hoffmann
Februar 2021



DER STERN IN JENER NACHT

Es war Mitternacht und Raffi war dran, die Nachtwache zu übernehmen.
Seit ein paar Monaten hatte er es geschafft. Er war nicht mehr länger der einfache Hirtenbursche aus einem unbedeutenden kleinen Dorf vom Land, sondern jetzt stand er in Diensten des Tempels von Jerusalem. Ja, tatsächlich er hatte es geschafft! Seine Familie war so stolz auf ihn; und der Lohn am Ende des Monats stimmte auch.

Es war eine jener sternenklaren Nächte. Kalt und windig, wie sie oftmals auf den Bergen Judäas daherkommen. In solchen dunklen Stunden malte sich Raffi in seinen kühnsten Träumen aus, mit wilden Bären und Löwen mutig zu kämpfen, wie einst König David, der auch hier auf den Feldern Bethlehems die Schafe hütete. Aber, was Raffi in jener besonderen Nacht erleben sollte, war weitaus mehr als jedes Abenteuer dieser Welt ihm bieten könnte.

Zuerst war da jener Stern. Schon seit Längerem war er den Hirten bei ihrer Nachtwache aufgefallen.  Man sprach darüber. Solch einen gewaltig großen und leuchtenden Himmelskörper hatten selbst die Alten und Erfahrensten noch nie beobachtet. Der strahlte ja fast so golden, wie der Mond. Das helle Licht in der Nacht ließ die Tiere unruhig sein. Ihr ständiges Blöcken wollte nicht aufhören und ließ die Hirten kaum Schlaf finden.

Da geschah es. Zuerst dachte Raffi, er wäre kurz eingenickt und träume nur. Aber das helle gleißende Licht, dass ihn, die anderen Hirten und selbst die Schafherde umstrahlte, war so real. Nein, das war kein Traum oder Trugbild. Aber was geschah jetzt hier? Geblendet vor lauter Helligkeit konnte keiner mehr etwas sehen.
Zunächst wurde alles leise. Bewegungslos und wie gelähmt stand Raffi da. Die Zeit schien, still zu stehen. Selbst die Schafe waren verstummt. Und dann war da jene Musik. Es klang wie der Gesang der Priester im Tempel. Aber, was soll ich sagen: es war noch viel herrlicher, erhebender und schöner zugleich. Wie ein Chor von Tausenden von Stimmen, rein und klar. Einfach himmlisch. So etwas Herrliches hatten Raffi und die anderen Hirten noch nie gehört. Langsam gewöhnten sich ihre Augen an den hellen Schein. Jetzt konnten sie es sehen. Tatsächlich, es waren Tausende von Wesen, die rings umher standen und leidenschaftlich sangen. Raffi rieb sich die Augen. Das müssen Engel sein, Boten Gottes. So wie die aussahen. Er hatte auf dem Markt in Jerusalem schon mal ein Gefäß aus einem Material, das man Glas nannte, gesehen. Eine Karawane aus dem fernen Ägypten brachte es mit. Nie würde er vergessen, als das Licht der Sonne, wie ein kleiner Regenbogen, bunt durch jenes Gefäß schimmerte. Komisch, daran musste er jetzt denken im Anblick jener Himmelswesen.

Und eigenartig, was sangen sie nur immerzu da? Raffi lauschte …:

Ehre sei Gott im Himmel. Denn ER bringt der Welt Frieden und wendet Sich den Menschen in Liebe zu!“

Die Schockstarre der Hirten löste sich langsam, als sich ein großer mächtiger Engel ihnen näherte und mit sanfter Stimme zu sprechen begann: „Fürchtet euch nicht! Ich verkünde euch eine Botschaft, die das ganze Volk mit großer Freude erfüllen wird. Heute ist für euch in der Stadt, in der schon David geboren wurde, der versprochene Retter zur Welt gekommen. Es ist Christus der Herr! Und daran werdet ihr ihn erkennen: Das Kind liegt, in Windeln gewickelt, in einer Futterkrippe!“


So geheimnisvoll und überraschend, wie die Himmelswesen aus dem Unsichtbaren aufgetaucht   waren, so schnell waren sie auch wieder vor den Augen der Hirten verschwunden. Nun gab es für Raffi kein Halten mehr. Ohne zu überlegen, rannte er los. Und auch die anderen Hirten folgten ihm nach, hinein in die Dunkelheit der Nacht. Aber wohin? Wo würden sie den Retter, den ersehnten Messias, finden?
Da leuchtete jener Stern am Himmel. Jetzt, wo das Licht der Engel nicht mehr da war, konnten sie seinen Schein wieder wahrnehmen. Seine Strahlen markierten einen Pfad durch die Finsternis der Nacht. Nach wenigen Kilometern erreichten sie die ersten Hütten und Häuser von Bethlehem.  Wo mag wohl der Retter der Welt geboren sein? Vielleicht im Haus eines reichen Händlers oder in der Villa eines vornehmen Bürgers? Jetzt konnten sie es deutlich sehen. Das helle Licht des Sterns erstrahlte über einem schlichten Stall am Rand der Felder. Welch ein seltsamer Ort für die Geburt des Retters der Welt?!

Raffi drängte sich als erster durch die schmale Eingangspforte. Die anderen Hirten folgten ihm sogleich. Was sie dort fanden und sahen in jenem Stall, das hätten sie niemals beachtet und ganz gewiss in der Dunkelheit jener Nacht völlig übersehen, wäre nicht das Licht des Himmels durch die Engel und den Stern in ihrem Innersten aufgeleuchtet. Es hätte gewiss keinen größeren Unterschied geben können, zwischen dem, was ihre Augen da sahen und dem, was sich jetzt in ihren Herzen ereignete. Mit ihren natürlichen Sinnen erblickten sie eine ganz normale Familie: Vater, Mutter und ein neugeborenes Baby in der Armseligkeit eines Stalles. Aber im Licht der Herrlichkeit, das in ihren Herzen angezündet worden war, konnten sie im Glauben viel weiter schauen. So erkannten sie in diesem Kind das freundliche Angesicht Gottes.
Auf einmal ergab alles einen tieferen Sinn. Der Messias musste hier in Bethlehem geboren werden. Und sie, die Hirten, die dafür angestellt waren auf den Feldern Bethlehems Jahr für Jahr die perfekten Lämmer fürs Passafest zu suchen, sie sollten die ersten sein, die das Lamm Gottes finden würden. Es lag ein tiefes Geheimnis über jener Nacht.  Heilige Ehrfurcht überkam die einfachen Männer. Sie fühlten sich so geehrt, ein Teil von Gottes großem Plan zu sein.
Auf dem Weg zurück zur Herde, dachte Raffi nach: „Was für eine Nacht?! Ja, das ist wahrlich mehr, als ein Abenteuer mit wilden Tieren zu kämpfen!“ Dann begann er zu singen und die anderen stimmten froh mit ein. Auch, wenn der Gesang der Männer etwas schräg und schief daherkam, und nicht ganz so schön wie der Engelchor klang, aber ihre Herzen waren so voll von dem Wunder jener Nacht, dass sie einfach Gott lauthals loben mussten.

Der Stern jener Nacht war noch für viele Monate am Himmelszelt zu sehen, bis er kleiner und kleiner wurde und dann gänzlich verschwand. Aber sein Licht hat niemals aufgehört zu leuchten. Zuerst erstrahlte er in den Herzen von ein paar einfachen Hirten, so wie Raffi und dessen Freunden. Danach in den Herzen von Sternendeutern aus fernen Ländern. Später dann sollte sein heller Schein in den Jüngern Jesu weiterleuchten und auch in allen Menschen, die sich aufmachen würden, selber dem Wunder der Heiligen Nacht zu begegnen.

Der Apostel Paulus schrieb einmal:
„So wie Gott einmal befahl: Licht soll aus der Dunkelheit hervorstrahlen! – so hat Sein Licht auch unsere Herzen erhellt. Jetzt erkennen wir klar, dass uns in Jesus Christus Gottes Herrlichkeit entgegenstrahlt!“


Matthias Hoffmann
Weihnachts-Geschichte 2020

DER BÖSE BLICK

Weißt Du eigentlich, wie es damals dazu kam, dass die Menschen auf der ganzen Welt, sich nicht mehr einander in die Augen sehen wollten?! – Nein?!

Ja, so ist das mit uns Menschenkindern! Wir machen manchmal dumme Sachen, von denen wir später nicht mehr wissen, warum, wieso und weshalb. Deshalb braucht es uns, die Alten, die von den längst vergangenen Zeiten erzählen können, die es lange zuvor einmal gegeben hat und wo das Leben auch ganz anders aussehen konnte – ohne, dass uns gleich der Himmel auf den Kopf gefallen wäre. Aber nun alles der Reihe nach… Ich will Euch gern die Geschichte erzählen…

Wie gesagt, vor langer Zeit kam auf der Welt ein Gerücht auf. Zunächst behaupteten es nur ein paar wenige Leute. Aber, weil diese als Weise und Gelehrte großes Ansehen besaßen, sprach man bald überall davon. Wohlmöglich hatten die ja Recht. Vielleicht wussten sie mehr als die anderen. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde.Du fragst: was war denn nun jenes Gerücht?!

Damals begann jene schlimme Krankheit, die uns Menschenkinder bis heute so sehr quält – und keiner wusste so recht, wie sie zu heilen sei. Bis die Weisen und Gelehrten kamen und mit lauter, fester Stimme behaupteten: Sie hätten den wahren Grund für diese Krankheit herausgefunden. Es läge am bösen Blick! Jeder, der einem anderen zu fest in die Augen schaue, verbreite dadurch den bösen Blick. Und dieser böse Blick mache die Menschen krank und stehle ihnen die Lebenskraft. Deshalb sei künftig jeder Augenkontakt zu vermeiden! Nur so könne man die Menschheit noch retten!

Tja, und weil man den Weisen und Gelehrten vertraute, wurde genau getan, was sie von den Leuten forderten. Das war also der Beginn jener Zeit, wo weltweit die Menschen ihren Blick senkten, wenn sie einander begegneten.

Anfangs gab es an manchen Orten zwar noch Widerstand. Hier einige wenige Liebespaare, die nicht darauf verzichten wollten, einander tief in die Augen zu schauen. Dort ein paar Eltern, die mit ihren Blicken ihre Kinder lenken und leiten wollten. Aber der Druck der Mehrheit ließ keinen Widerspruch zu. Nein, nur durch gehorsames Wegschauen könne man den Fluch des bösen Blickes brechen und so die schlimme Krankheit abwenden.

Seitdem sind viele Jahre vergangen. Der Umgang der Menschen unter einander ist ein gänzlich anderer geworden. Auf jeden Fall kein besserer. Die Blicke der Leute ruhen jetzt nur noch auf Besitztümern, auf vergänglichen Sachen und auf dem Werk der eigenen Hände. Täglich hört man allerorten, welch eine Rettung es der Menschheit gebracht habe, dass wir einander nicht mehr justament in die Augen schauen. Zwar würden immer noch Menschen an der schlimmen Krankheit sterben, aber weitaus weniger als vorher. Deshalb bliebe das Wegschauen der einzig richtige Ausweg.

Es sei meinem Alter geschuldet. Aber ich hatte nun schon so viele Jahre mit gesenkten Augenlidern gelebt. Da war ich es leid geworden. Eines Tages hob ich meine Augen und sah mir die Menschen wieder an. So musste ich feststellen: Nein, das Wegschauen und einander aus dem Weg gehen, das hat uns nicht die Erlösung gebracht. Das hat die Menschen nur noch einsamer und innerlich kränker gemacht. Aber, weil wir einander ja nicht ansehen dürfen, bleibt die große innere Leere und Einsamkeit vor den Augen der meisten verborgen.

Ja, ich habe meine Augen wieder weit geöffnet!Und ich habe dabei festgestellt, es gibt da draußen noch viel mehr Augen-auf-Menschen, so wie mich. Unsere Blicke haben einander gesucht, gefunden und sind uns begegnet. Wir haben nicht mehr länger wegsehen wollen, sondern unsere Augen sprechen jetzt wieder mit einander. Unsere Blicke ruhen neu ineinander. Das tut so unendlich gut. Eine Augenweide für Hingucker.

Liebe Leute, ich kann nur sagen, dass mit dem bösen Blick ist einfach nicht wahr. Zwar weiß ich auch nicht genau, wie jene schlimme Krankheit daherkommt und völlig zu heilen sei, aber Wegschauen ist gewisslich nicht die Lösung – das weiß ich nun!

Es werden immer mehr, denen auch die Augen aufgehen und die neu zu sehen anfangen. Wohlmöglich werden sich auch unsere Blicke bald begegnen – dann schenk mir bitte Deinen guten Blick… und schau mir in die Augen, Kleines 😊!


Matthias Hoffmann
November 2020

Die große Suche

Dies ist die Geschichte von der großen Suche.
Sie erzählt von einer Zeit, lange vor unserer – als diese Welt noch jung war.

Eines Tages befiel die Menschheit eine böse Krankheit.
Niemand hatte sie kommen sehen. Sie schlich sich geradezu unsichtbar durch die Hintertür bei Dunkelheit herein. Schon bald gab es mehr oder weniger in fast jedem Stamm, jeder Sippe und jeder Familie jemanden, der daran erkrankt war. Wen diese Seuche packte, dem verschlug es kurz darauf den Atem. Die Krankheit schnürte die Kehlen zu, machte Lungen und Herzen schwer wie Blei; ja, sie raubte alle Lebenskraft.

Als die ersten Menschen daran verstarben, begann die große Suche.
Könige und Mächtige der Völker kamen zusammen und berieten lange mit einander. Schließlich kamen sie überein, dass sie alle ihre Weisen und Gelehrten, Druiden und Alchemisten zusammenrufen würden, um ihnen den Auftrag zu erteilen, ein Heilmittel gegen diese schreckliche Pein zu finden.

Gesagt, getan…und so begann die große Suche.
Überall – von den hohen schneebedeckten Bergen bis zu den dunklen Tälern, vom endlos weiten Meer bis zu den undurchdringlichen Wäldern – überall suchten und suchten die Forscher und Weisen nach einem Allheilmittel, nach Ausweg und Rettung für die geplagte Menschheit. Aber so sehr sich auch die klügsten Köpfe abmühten, sie fanden keine wirksame Medizin, die diese verheerende Plage zu heilen vermochte.

So traurig und hoffnungslos wäre es fast geblieben, wenn nicht jener einfache Hirtenbursche damals vorbeigekommen wäre.
Zuerst wollte man ihn gar nicht durchlassen. Wer war denn er?! Wer sollte schon auf einen Hirten hören, wenn es um die Rettung der Welt geht?! Was weiß der denn von Heilkräften und Naturgesetzen?
Aber da selbst den bedeutendsten Gelehrten keine Antwort mehr einfiel, war man schließlich geneigt dem Jüngling zuzuhören.

Der Hirte sagte:
„Meine sehr verehrten und mächtige Herren…danke, dass Ihr bereit seid den Worten eines einfachen Hirten Gehör zu schenken. Hier in dieser Flasche habe ich die passende Medizin um jene hässliche Seuche zu beenden, die die Menschheit befallen hat und so bitterlich quält!“
Ein ungläubiges Raunen ging durch die Menge der hilflosen Weisen und ohnmächtigen Mächtigen. Sie wollten allzu gerne wissen, woher der Hirte denn sein Wissen habe und ob alles mit rechten Dingen zuginge.
„O ja; meine Herren! Ich habe hier die Medizin, die all meine Schafe gesund gemacht hat – egal welche Krankheit und Seuche meine Herde befiel. Nun habe ich die feste Zuversicht gewonnen, dass dieses Elixier auch alle Menschen von jener bösen Krankheit zu heilen vermag!“

Fast wäre die ganze Versammlung in einem Tumult und Wirrwarr an Meinungen und Empörungen untergegangen. Aber, weil niemand sonst eine andere Lösung gefunden hatte, war man schlussendlich doch bereit, zwar mehr widerwillig als überzeugt, jene Medizin eines Schaf-Hirten an einigen schwer Erkrankten auszuprobieren.

Und was soll ich sagen?!
Schon kurze Zeit später wurde es so viel besser mit diesen Leuten – bis sie sogar wieder ganz gesundeten. Die gute Nachricht sprach sich schnell herum und alle wollten nun die Medizin des Hirten haben.

Die Weisen fragten neugierig:
„Erzähle uns, guter Mann, was ist das Geheimnis der Rezeptur deines Wundertrankes?!“
Der Hirte antwortete:
„Da habt ihr recht gesprochen. Es ist wahrlich ein Wundertrank – aber anders, als ihr vielleicht denken mögt. In meiner Flasche ist nur reines Wasser. Wasser, wie ihr es aus jedem Brunnen oder Fluss schöpfen könnt.“

Die Gelehrten und Mächtigen erschraken und blickten hilflos drein.
„Aber wie konnten dann die Kranken gesunden?“ fragten sie sich untereinander.
Der Hirte erhob seine Stimme laut über alles fragende Gemurmel:
„Nicht das Wasser brachte das Wunder der Heilung. Ich habe gelernt dem großen Hirten, dem Schöpfer der Welt, zu vertrauen. ER, der Unsichtbare, ist der Mächtigste; ER ist der wahre Heiler und der alleinige Wundertäter. Aber, so wie kein Mensch ohne Wasser zu leben vermag, so können auch wir nicht ohne IHN leben. ER allein ist unsere Hoffnung und Medizin.“

Als das, die Menschen hörten, berührte es tief ihre Herzen. Sie schenkten den schlichten Worten des Burschen ihr Vertrauen – oder besser gesagt: sie vertrauten ebenfalls jenem unsichtbaren mächtigen großen Hirten, der hinter ihm stand und von dem alles Leben kommt.
So endete damals die große Suche.
Die Leute vertrieben jene böse Krankheitsmacht durch ihr Vertrauen in den guten, unsichtbaren Hirten der Menschheit.
Man kam überein: So sollte es auch für alle Zeiten fortan bleiben!

Viele Jahre sind seitdem vergangen. Unzählige Plagen und Nöte haben die Menschheit seither heimgesucht. Leider haben wir Menschen den großen Hirten wieder aus unseren Augen und aus unserem Herzen verloren.

Deshalb begeben wir uns jedes Mal neu: auf die große Suche.
Wird uns wohl auch diesmal ein Hirte den Ausweg zeigen?!

Matthias Hoffmann
Oktober 2020

Der Mantel

Sie sind schon einen sehr langen Weg mit einander gegangen. Hanna und Simeon. Seit über dreißig Jahren mit einander verheiratet. Meistens glücklich, oftmals aber auch herausgefordert durch die Andersartigkeit des Partners. Was haben sie nicht alles schon mit einander erlebt, durchlebt und überlebt?! Dankbar können sie auf so viele Wundergeschichten ihrer Liebe zurückblicken.

Gott hat ihnen Kinder und Enkel geschenkt. Sie besitzen gute Freunde in nah und fern. Sie leben gesund und glücklich in einem wunderschönen, gemütlichen Haus mit Garten.  Ihnen fehlt es wahrlich an nichts.

Das größte Abenteuer ihres Lebens begann aber damit, dass die Beiden vor etlichen Jahren auf einem ungewöhnlichen Basar einen ganz besonderen Fund machten:
Es war jener geheimnisvolle rote Samtmantel, der ihnen damals in die Hände fiel. Fast hätten sie ihn übersehen. Fast hätten sie ihn achtlos bei Seite geschoben. Sie hielten ihn nur für ein belangloses Stück Requisit aus längst vergessener Zeit, das sie scheinbar gar nicht selber brauchten. Aber, als Simeon den Mantel damals das erste Mal anzog, da erlebte er eine Kraft darunter, die fortan sein ganzes Leben revolutionieren und verändern sollte. Das war der rote Mantel der Vaterliebe Gottes. Simeon reichte ihn weiter an Hanna. Und auch sie wurde durch das Tragen des neuen Gewandes verwandelt. Die Beiden erworben das Kleidungsstück. Es kostetet ihnen alles. Doch sie waren dazu bereit, alles zu geben, weil sie erkannten, welcher Schatz ihnen mit diesem Mantel der Vaterliebe anvertraut wurde.

Seither sind so viele Jahre vergangen. Hanna und Simeon haben den roten Mantel überall mit hingenommen. Sie teilten ihn mit unzähligen Menschen in Not. Sie bargen Bedürftige und Schutzsuchende auf der ganzen weiten Welt darunter. Sie teilten den Schatz und das Geheimnis des Mantels der Vaterliebe mit Tausenden und Abertausenden. Und je mehr sie ihn anderen umlegten, umso mehr vervielfältigte sich die Kraft und die Macht der Liebe des himmlischen Vaters, die davon ausgingen. Je mehr sie weggaben, umso reicher wurden sie. So zu leben, das allein schon hätte Hanna und Simeon gereicht.

Aber dann geschah Folgendes.
Wieder einmal waren die Beiden unterwegs, den roten Mantel der Vaterliebe mit Menschen in allerlei Nöten zu teilen und das Wunder Seiner göttlichen Kraft zu den Schwachen zu bringen. Da begegnete ihnen mitten im Treiben auf der Straße des Lebens ein Fahrender Händler mit seinem Kaufmanns-Wagen, voll mit bunten Kleidern und Gegenständen für den Gebrauch des Alltags. Und wieder blieb ihr Blick an einem Samt-Mantel hängen. Dieses Mal war die Farbe des Mantels türkis. Türkis so grünlich-bläulich schimmernd, wie das grenzenlos wogende Meer und das weite Himmelszelt, das sich darüber unendlich weit hin erstreckt. Was hatte es nur mit diesem türkis-farbigen Mantel auf sich?! Wieder schlüpfte Simeon zuerst hinein. Da überflutete ihn die Nähe Gottes in solch einer Macht und Herrlichkeit, dass es ihm ganz heiß im Herzen wurde. Sogleich gab er auch Hanna den Mantel zu tragen und auch sie badete in dem Meer von Frieden und Ruhe darin.  Da merkten sie auf einmal, dass jener Händler niemand anderes ist, als ihr himmlischer Vater höchstpersönlich.

Und Abba-Vater sprach zu Hanna und Simeon:
„Danke, dass Ihr Beiden in solcher Treue und Hingabe Meinen roten Mantel der Vaterliebe in alle Welt getragen habt. Darunter fanden so viele Meiner verlorenen und verletzten Kinder Heilung, Zuflucht und Wiederherstellung! Schaut nur, jetzt verleihe Ich Euch einen neuen Mantel der Autorität. Dieser Mantel in türkis ist Mein Schalom-Mantel!
Das heißt nun nicht, die Zeit des roten Mantels und der roten Herzen sei vorbei!Nein, Meine Vaterliebe wird immer und ewig benötigt werden. Aber Ich bringe jetzt eine neue Farbe mit ins Spiel. Denn meine geschundenen und verängstigten Kinder in den letzten Zeiten brauchen heute ganz besonders auch noch dieses. Sie brauchen Meinen Schalom, Meinen Frieden in ihren Herzen. Ohne diese Herzensruhe können sie es nicht schaffen in einer immer dunkler werdenden Welt zu überleben. Darum geht nun hin und tragt den türkisenen Schalom-Mantel, so wie ihr den roten Mantel getragen habt.“

Als Hanna und Simeon den türkisenen Mantel ehrfurchtsvoll staunend in ihren Händen hielten, entdeckten sie, dass die Innenseite des neuen Mantels in rotem Samt ausgekleidet war. So würden sie Beides weiterreichen können: den Schalom Gottes, der so weit reicht wie das Meer und der endlos weite Himmel –   und die Liebe ihres wunderbaren Vaters, die rot strahlt, wie die aufgehende Sonne. Froh und zuversichtlich, gestärkt mit neuer Kraft, machten sie sich auf den Weg! Sie wussten tief in ihrem Innersten, dass der Vater unsichtbar mit ihnen unterwegs sein würde. Auf zu neuen Ufern. Hin zu neuen Horizonten. Dort, wo Gottes Kinder auf diesen Mantel schon warteten. Und unter dem türkisenen Mantel würden Frieden, Trost und neue Hoffnung die Herzen Vieler neu erfüllen.

Matthias Hoffmann
Juli 2020