Der Mantel

-M. Hoffmanns Geschichten-Erzählung-

Sie sind schon einen sehr langen Weg mit einander gegangen. Hanna und Simeon. Seit über dreißig Jahren mit einander verheiratet. Meistens glücklich, oftmals aber auch herausgefordert durch die Andersartigkeit des Partners. Was haben sie nicht alles schon mit einander erlebt, durchlebt und überlebt?! Dankbar können sie auf so viele Wundergeschichten ihrer Liebe zurückblicken.

Gott hat ihnen Kinder und Enkel geschenkt. Sie besitzen gute Freunde in nah und fern. Sie leben gesund und glücklich in einem wunderschönen, gemütlichen Haus mit Garten.  Ihnen fehlt es wahrlich an nichts.

Das größte Abenteuer ihres Lebens begann aber damit, dass die Beiden vor etlichen Jahren auf einem ungewöhnlichen Basar einen ganz besonderen Fund machten:
Es war jener geheimnisvolle rote Samtmantel, der ihnen damals in die Hände fiel. Fast hätten sie ihn übersehen. Fast hätten sie ihn achtlos bei Seite geschoben. Sie hielten ihn nur für ein belangloses Stück Requisit aus längst vergessener Zeit, das sie scheinbar gar nicht selber brauchten. Aber, als Simeon den Mantel damals das erste Mal anzog, da erlebte er eine Kraft darunter, die fortan sein ganzes Leben revolutionieren und verändern sollte. Das war der rote Mantel der Vaterliebe Gottes. Simeon reichte ihn weiter an Hanna. Und auch sie wurde durch das Tragen des neuen Gewandes verwandelt. Die Beiden erworben das Kleidungsstück. Es kostetet ihnen alles. Doch sie waren dazu bereit, alles zu geben, weil sie erkannten, welcher Schatz ihnen mit diesem Mantel der Vaterliebe anvertraut wurde.

Seither sind so viele Jahre vergangen. Hanna und Simeon haben den roten Mantel überall mit hingenommen. Sie teilten ihn mit unzähligen Menschen in Not. Sie bargen Bedürftige und Schutzsuchende auf der ganzen weiten Welt darunter. Sie teilten den Schatz und das Geheimnis des Mantels der Vaterliebe mit Tausenden und Abertausenden. Und je mehr sie ihn anderen umlegten, umso mehr vervielfältigte sich die Kraft und die Macht der Liebe des himmlischen Vaters, die davon ausgingen. Je mehr sie weggaben, umso reicher wurden sie. So zu leben, das allein schon hätte Hanna und Simeon gereicht.

Aber dann geschah Folgendes.
Wieder einmal waren die Beiden unterwegs, den roten Mantel der Vaterliebe mit Menschen in allerlei Nöten zu teilen und das Wunder Seiner göttlichen Kraft zu den Schwachen zu bringen. Da begegnete ihnen mitten im Treiben auf der Straße des Lebens ein Fahrender Händler mit seinem Kaufmanns-Wagen, voll mit bunten Kleidern und Gegenständen für den Gebrauch des Alltags. Und wieder blieb ihr Blick an einem Samt-Mantel hängen. Dieses Mal war die Farbe des Mantels türkis. Türkis so grünlich-bläulich schimmernd, wie das grenzenlos wogende Meer und das weite Himmelszelt, das sich darüber unendlich weit hin erstreckt. Was hatte es nur mit diesem türkis-farbigen Mantel auf sich?! Wieder schlüpfte Simeon zuerst hinein. Da überflutete ihn die Nähe Gottes in solch einer Macht und Herrlichkeit, dass es ihm ganz heiß im Herzen wurde. Sogleich gab er auch Hanna den Mantel zu tragen und auch sie badete in dem Meer von Frieden und Ruhe darin.  Da merkten sie auf einmal, dass jener Händler niemand anderes ist, als ihr himmlischer Vater höchstpersönlich.

Und Abba-Vater sprach zu Hanna und Simeon:
„Danke, dass Ihr Beiden in solcher Treue und Hingabe Meinen roten Mantel der Vaterliebe in alle Welt getragen habt. Darunter fanden so viele Meiner verlorenen und verletzten Kinder Heilung, Zuflucht und Wiederherstellung! Schaut nur, jetzt verleihe Ich Euch einen neuen Mantel der Autorität. Dieser Mantel in türkis ist Mein Schalom-Mantel!
Das heißt nun nicht, die Zeit des roten Mantels und der roten Herzen sei vorbei!Nein, Meine Vaterliebe wird immer und ewig benötigt werden. Aber Ich bringe jetzt eine neue Farbe mit ins Spiel. Denn meine geschundenen und verängstigten Kinder in den letzten Zeiten brauchen heute ganz besonders auch noch dieses. Sie brauchen Meinen Schalom, Meinen Frieden in ihren Herzen. Ohne diese Herzensruhe können sie es nicht schaffen in einer immer dunkler werdenden Welt zu überleben. Darum geht nun hin und tragt den türkisenen Schalom-Mantel, so wie ihr den roten Mantel getragen habt.“

Als Hanna und Simeon den türkisenen Mantel ehrfurchtsvoll staunend in ihren Händen hielten, entdeckten sie, dass die Innenseite des neuen Mantels in rotem Samt ausgekleidet war. So würden sie Beides weiterreichen können: den Schalom Gottes, der so weit reicht wie das Meer und der endlos weite Himmel –   und die Liebe ihres wunderbaren Vaters, die rot strahlt, wie die aufgehende Sonne. Froh und zuversichtlich, gestärkt mit neuer Kraft, machten sie sich auf den Weg! Sie wussten tief in ihrem Innersten, dass der Vater unsichtbar mit ihnen unterwegs sein würde. Auf zu neuen Ufern. Hin zu neuen Horizonten. Dort, wo Gottes Kinder auf diesen Mantel schon warteten. Und unter dem türkisenen Mantel würden Frieden, Trost und neue Hoffnung die Herzen Vieler neu erfüllen.

Matthias Hoffmann
Juli 2020