Der Muschelsucher

– M. Hoffmanns Geschichten-Erzählung –

Es war einmal ein Mann – sein Name war Friedhelm – der lebte am Meer.

Jeden Morgen, bevor die Sonne in ihrer Pracht über der unendlichen, blau-weiß geschäumten Weite des Ozeans aufging, machte sich Friedhelm auf seinen Weg. Er ging an einen einsamen Strand und suchte nach Muscheln, die das Meer Tag für Tag in großer Zahl anschwemmte. Manchmal fand er sogar einen Bernstein oder ein Stück geheimnisumwobenes Treibgut von wohlmöglich untergegangen Schiffen.
Aber am meisten liebte Friedhelm die Muscheln. Muscheln in jeder Form und Farbe. Es gab ja Tausende verschiedener Muschelarten. Und Friedhelm hatte die meisten davon schon einmal in seiner Hand gehabt. Viele zierten seinen Schatz, den er Zuhause in einer großen Seemannskiste liebevoll hütete. So ging das Tag ein, Tag aus, Jahr für Jahr. Bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit.

Aber eines Tages traf Friedhelm bei seinem einsamen Strandlauf überraschend einen fremden Mann. Er hatte ihn gar nicht kommen sehen. Der grüßte ihn und sprach: „Guten Morgen, Friedhelm!“ Erstaunt entgegnete er: „Guten Morgen, Fremder! Woher kennst Du mich?!“
„O, ich habe Dich schon lange Zeit beobachtet, wie Du jeden Morgen hierherkommst und nach Muscheln suchst. Du bist ein Sucher, nicht wahr?!“, fragte der fremde Mann.
Friedhelm wusste nicht recht zu antworten: „Ja, so macht man das wohl halt! Ich liebe Muscheln und darum suche ich sie. Ist etwas falsch daran?!“
„O, nein, so machen das die meisten Menschen. Sie suchen und suchen, Tag ein und Tag aus. Und sie finden. Ja, sie finden eine ganze Menge! – Aber darf ich Dir einen weitaus köstlicheren Weg vorstellen?!“
Neugierig geworden, rückte Friedhelm unmerklich näher an den Fremden heran, und sah ihm in die blauen, strahlenden Augen: „Ja, gerne, erzähle mir von dem köstlicheren Weg!“
Der Fremde blickte in die Weite zum Horizont, schwieg ein paar Sekunden, die wie Ewigkeiten erschienen, und antwortete dann bedächtig:
„Suchen und Finden – das ist der Weg der Menschen! Aber gefunden werden und beschenkt sein – das ist der Weg des Himmels!“
Diese Worte der Weisheit berührten Friedhelm tief in seinem Herzen. Sie klangen noch lange in ihm nach. Ja, das stimmt. Ein Leben lang war er ein Sucher, ein Macher und ein Finder. Ein mühsames Leben lang. Er wandte sich ab und schaute aufs weite Meer. Und während er so darüber nachsann, merkte er gar nicht, wie der Fremde wundersam wieder verschwand. Als Friedhelm sich umdrehte, war er ganz allein am endlos langen Strand. Keine Menschenseele war weit und breit zu sehen.
Was hatte all das nur zu bedeuten?

Die nächsten Tage ging Friedhelm nicht mehr an den Strand.
Er blieb Zuhause, saß auf der Bank vor seiner kleinen Hütte und dachte über die Worte des Fremden nach: Wie kann man nur so anders leben? Gefunden werden? Beschenkt leben? Wie kann ein Sucher zu einem Gefundenen werden?

Es vergingen Monate darüber und fast hatte Friedhelm jene merkwürdige Begegnung gänzlich vergessen, als ihm eines Tages folgendes geschah: Er war mitten bei seiner Arbeit in der Werkstatt. So wie immer. Lange schon hatte er keine Muscheln mehr am Strand gesucht. Da stolperte er beim Arbeiten zufällig über die Seemannskiste, die ihm im Wege stand. Jene Kiste, in der er all seine Schätze des Meeres aufbewahrte. Sie fiel laut polternd um, öffnete sich und gab unfreiwillig ihren wertvollen Inhalt preis. Dabei fiel auch eine große Muschel auf den Boden, die bisher noch verschlossen gewesen war. Ihre zwei Hälften öffneten sich und zwei weiße strahlende Perlen wurden sichtbar. Das hatte Friedhelm noch nie gesehen. Zwei Perlen in einer Muschel?! Er hob sie auf und hielt sie ins Tageslicht. Sie schimmerten warm und glänzten voller Herrlichkeit.

Tränen füllten seine Augen. Nun war es geschehen. Friedhelm war nicht mehr länger der Muschelsucher – sondern er war der Gefundene und reich Beschenkte.

Siehe: Matthäus 13, 45-46
„Wiederum gleicht das Reich der Himmel einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte. Als er eine kostbare Perle fand, ging er hin, verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie!“


Ich wünsche allen Lesern, dass sie mitten in Ihren Alltäglichkeiten von der Liebe des Vaters GEFUNDEN werden!


Dein
Bruderherz Matthias