Die Selbstoffenbarung Gottes


Um besser verstehen zu können, wie Gott sich dem Menschen offenbart, müssen wir einen Blick auf die ‚Selbstoffenbarung Gottes’ werfen:

    „Seine eigentliche Bedeutung empfängt der Begriff der Offenbarung jedoch erst
    dort, wo es sich um die Selbstoffenbarung Gottes handelt.“1

Die Bibel drückt von der ersten bis zur letzten Seite dieses tiefe Verlangen Gottes aus, sich selbst dem Menschen zu offenbaren. Hiermit ist keine intellektuelle Wissens- vermittlung um etwas gemeint2, sondern eine zutiefst intime Sehnsucht Gottes, nach Gemeinschaft mit dem Menschen.

Dies ersehen wir z.B. daraus, dass Gott sich vor allem in den beiden vertraulichsten Formen dem Menschen gegenüber zu erkennen geben möchte. Er wirbt sowohl im AT als auch im NT als ein Vater3, um sein eigenes Kind und als Bräutigam4, um seine geliebte Braut.

Es gibt keine auch nur vergleichbaren Ebenen der Vertrautheit, der Innigkeit, der Zuneigung und des Ruhens, als diese beiden Beziehungsebenen. Keine Beziehung kann inniger sein, als die zwischen einem Vater und Kind bzw. als zwischen einem Bräutigam und seiner Braut. Diese Sehnsucht Gottes wird schon in der Begebenheit von der Erschaffung des Mannes und der Frau reflektiert. Der Mann erkannte, dass nur ein Gegenüber ihn befriedigen konnte, welches aus ihm selbst heraus geschaffen ist und mit dem er vertraute, intime Nähe erleben konnte. Gebein, von seinem Gebein5.

Auf ähnlicher Ebene sucht Gott dem Menschen nahe zu sein. Gott schuf ihn sich selber ähnlich und gab ihm von seinem Geist. Ein Wesen mit Geist und von Gottes Geist. Gott ist Liebe6, Gott ist Zuwendung (siehe 4.2). Gott ist Innigkeit7 und diese sucht Gott mit dem Menschen bis heute zu leben.

Ebenso drückt er sein Verlangen nach dem Menschen darin aus, dass er sich nach ihm sehnt, wie ein Vater oder eine Mutter nach ihrem geliebten Kind. Um nur einige Stellen des AT zu nennen:

    „Ihr seid Kinder für den HERRN, euren Gott.“
    (5. Mose 14,1)

    „Wie einen, den seine Mutter tröstet, so will ich euch trösten.“
    (Jes. 66, 13)

    „Nicht wahr, von jetzt an rufst du mir zu: Mein Vater, Freund meiner
    Jugend bist du!... Kehrt um, ihr abtrünnigen Kinder!...Und ich hatte
    doch gedacht: Wie will ich dich unter die Söhne aufnehmen und dir
    ein köstliches Land geben...Und ich meinte, ihr würdet mir zurufen:
    ‚Mein Vater!’ und würdet euch nicht (mehr) von mir abwenden.“
    (Jeremiah 3, 4.14.19)

Und ebenso finden wir dieses Werben Gottes als Vaters um seine Kinder durch Jesus8 und die Apostel9 im NT.  Somit wirbt der Vater schon Damals10, Heute11 und in der Zukunft12.


Jahwe – Gott der Nähe


Es ist in unserem theologischen Verständnis außer Frage, dass es Gottes vorrangiges Bemühen ist, sich ‚Söhne und Töchter’13 zu schaffen, bzw. eine ‚Braut’ für seinen Sohn Jesus zu bereiten. Und dieses sucht er nicht erst im Neuen Testament, sondern seine Sehnsucht danach drückt sich bereits wie oben erwähnt, bereits im Alten Testament aus14.

Gottes Fehlinterpretierte, anscheinende ‚Distanz’, welche seine Benennung als ‚HERR’, vor allem im Alten Testament, wieder zu geben scheint, ist und war wohl nie sein Bestreben. Hierzu wollen wir uns die Benennung ‚HERR’ einmal kurz betrachten:

Dort, wo in der Bibel das Wort ‚HERR’ oder auch ‚HErr’ geschrieben wird (1. Mo. 2,4.9.16; 3. Mo. 16, 1.8; Jer. 33, 1.2.4 u.ö.), steht im hebr. Grundtext stets JHWH = Jahwe. Dieser Name wird ausschließlich für Gott selbst gebraucht15.

Bob Becking erläutert hierzu:
„Jahwe ist der Name des Gottes Israels...die ursprüngliche Aussprache des Gottesnamens ist unklar. Er besteht aus den vier Konsonanten יהוה jhwh und wird deswegen Tetragramm (griech. „Vier-Buchstaben“) genannt. Aus Respekt vor der Heiligkeit dieses Namens (vgl. Ex 20,7) wurde seine Aussprache im Judentum schon relativ früh gemieden, und deswegen hat man statt des Gottesnamens ’ădônāj „(mein) Herr“ gelesen (vgl. die Parallelität von jhwh und ’ădônāj z.B. in Ps 30,9...
Das Alte Testament suggeriert eine Ableitung von dem westsemitischen Verb היה hjh „sein / da sein“ (Ex 3,14). Gott ist dann entweder „der Seiende / Existierende“ (Qal; vgl. LXX ho ōn „der Seiende“) oder „der Daseinsgeber“ (Hif.).

Nach von Soden...bedeutet der Name so etwas wie ‚er manifestiert sich selber als daseiend’ und davon sei abzuleiten ‚er erweist sich selber / er offenbart sich selber’...Im Alten Testament wird von Jahwe ausgesagt, er sei ‚barmherzig und gnädig’ (Ex 34,6).“16

Hierauf bezogen, können wir in diesem Namen schon das Anliegen Gottes den Menschen gegenüber klar erkennen. ‚Er manifestiert sich selber als daseiend’, ‚er erweist sich selber / er offenbart sich selber’. Wenn wir dies dem Macht- und Autoritätsausdruck ‚Herr’ gegenüber stellen, sehen wir, dass die Gottesbenennung ‚Herr’ sein Anliegen dem Volk Israel gegenüber nicht mehr wiedergibt. Hier sehen wir eine Verschiebung in der Benennung der Beziehungsebene bzw. des Anliegens der Beziehung zwischen Gott und Mensch.

Eine ähnliche Forschung über den Gottesnamen ‚Herr’, können wir in Wikipedia lesen:
„Erst im frühen 19. Jahrhundert versuchte die christlich geprägte historisch-kritische Bibelforschung die Aussprache des Tetragramms zu rekonstruieren und es dazu auf eine gemeinsame Urform zurückzuführen. Die seitdem aufgestellten Thesen sind jedoch ebenso vielfältig wie die überlieferten Schreibweisen des Wortes.
Nur diese Bibelstelle deutet Gottes Namen aus. Sie geht auf die eng verwandten Wurzeln הוה‎ (HWH – hawah – „sein, werden“) und היה‎ (HJH – hajah – „geschehen, veranlassen, da sein“) zurück und – so nehmen Exegeten an – spielt bewusst mit deren Vieldeutigkeit. Da Präsens und Futur in hebräischen Verben oft identisch sind, ergeben sich mehrere Übersetzungsmöglichkeiten. Im Präsens würde der Vers lauten: Ich bin, der Ich bin. Dies ist die häufigste Übersetzung. Im Futur – mit dem die verwendete Zeitform meist übersetzt wird – hieße er: Ich werde sein, der Ich sein werde, was meist im Sinne von Ich werde für euch da sein oder Ich werde Mich für euch hilfreich erweisen übersetzt wird.“17

Wenn wir demnach der am ehesten Übersetzungsmöglichkeit folgen, drückt der Name Gottes erneut seinen Wunsch dem Menschen gegenüber aus, ihm Nähe, Geborgenheit und Hilfe zu geben.

Der Ausdruck ‚Herr’ hingen macht seine Machtposition deutlich und drück die Ehrfurcht aus, die wir ihm gegenüber zu erweisen haben. Gewiss ist dies ein Atribut Gottes, jedoch war es nie Gottes Anliegen, uns dies primär vermitteln zu versuchen. Das Gegenteil ist der Fall! Denn obwohl er ‚Herr’ ist und hoch erhaben, möchte er uns Nahe sein und sich wie ein Vater um uns bemühen.

Dies möchte Gott durch seinen Name vom Alten bis zum Neuen Testament hindurch dem Menschen zusprechen:

    ‚Ich bin und werde sein; ich erweise mich barmherzig;
    ich werde mich euch als der DASEINENDE
    und euch HILFREICHE erweisen’.

Abhandlung by Susi Tolle
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 1)  Rienecker, Fritz (1991): Lexikon zur Bibel. Zu ‚Offenbarung’.
 2)  Siehe hierzu auch besonders 4.4
 3)  5. Mose 14, 1; Jer. 3, 4.14,19; Jer. 4, 22; Jer. 31, 9;
 4)  Hohelied; Jes. 54, 5-8; Jer. 2, 2
 5)  1. Mo. 2, 23.24
 6)  1. Joh. 4, 8
 7)  Joh. 15, 10; 1. Joh. 4, 9-10
 8)  Johannes 14-17
 9)  1. Joh. 3, 1; Eph. 3, 14
10)  1. Mose 5, 24; 2. Mose 34, 6.7
11)  2. Thes. 5, 3; Eph. 1, 17
12)  Joh. 17; Röm. 8, 19-21; Offb. 19, 6-9 & 21, 7
13)  Röm. 8, 18-23
14)  Siehe 2.4
15)  Rienecker, Fritz (1991): Lexikon zur Bibel. Zu ‚Herr’.
16)  http://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/dasbibellexikon/details/quelle/
      WIBI/zeichen/j/referenz/22127///cache/3c3fc4f443/ (Mai 2008)
17)  http://de.wikipedia.org/wiki/Jahwe